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  • Kreative Methoden in der systemischen Therapie: Wie Collagen innere Anteile sichtbar machen

    Manche Themen lassen sich nicht sofort in Worte fassen. Vielleicht ist da ein diffuses Gefühl, eine innere Spannung, ein wiederkehrendes Muster oder ein Anteil, der sich meldet, aber noch keine klare Sprache hat. In der systemischen Therapie und Beratung arbeite ich deshalb nicht nur sprachlich, sondern arbeite auch gern mit Visualisierungen (Verbildlichungen). Manchmal nutze ich dazu Bildkarten, Figuren, Knete, oder Collagen. Diese Hilfmittel können hilfreich für den Prozess sein, weil kreative und visualisierende Methoden einen anderen Zugang ermöglichen: weg vom reinen Nachdenken, hin zu einem Erleben, Betrachten und Verstehen aus einer neuen Perspektive. In einer Lesart könnte es als: "Raus aus dem Kopf und hinein ins Gefühl" beschrieben werden. Wozu kreative Methoden in der systemischen Therapie hilfreich sein können Systemisches Arbeiten fragt weniger: „Was ist das Problem?“ Sondern: „In welchem Zusammenhang ist es entstanden? Welche Funktion hatte es vielleicht einmal? Wer oder was ist daran beteiligt? Welche Bedeutungen wurden gelernt? Und welche neuen Möglichkeiten könnten entstehen?“ Kreative Methoden können dabei helfen, innere und äußere Zusammenhänge sichtbar zu machen. Etwas, das vorher nur als Gedanke, Gefühl oder Körperempfindung da war, bekommt eine Form. Es liegt plötzlich vor einem. Es wird anschaubar, beschreibbar und veränderbar. Das kann entlastend sein, weil Menschen dadurch häufig mehr Abstand zu ihrem Erleben gewinnen. Aus „Ich bin so“ kann zum Beispiel werden: „Da ist ein Anteil in mir, der sich sehr verantwortlich fühlt.“ Oder aus „Ich bin blockiert“ wird: „Da ist eine Blockade, die mich gerade schützt oder zurückhält.“ Diese Unterschiedsbildung klingt klein. Ist er aber nicht. Denn wenn ein Problem, ein Muster oder ein innerer Anteil sichtbar wird, kann ich mich dazu in Beziehung setzen. Ich kann fragen: Was willst du mir sagen? Wovor schützt du mich? Wann bist du entstanden? Was brauchst du heute? Externalisierung: Etwas Inneres nach außen bringen Ein wichtiger Gedanke dabei ist die Externalisierung. In der systemischen und narrativen Arbeit bedeutet das vereinfacht: Ein Problem, eine Belastung oder ein inneres Erleben wird nicht mit der ganzen Person gleichgesetzt, sondern nach außen verlagert und damit betrachtbar gemacht. Das kann sprachlich passieren, zum Beispiel wenn wir nicht sagen: „Ich bin ängstlich“, sondern: „Die Angst ist gerade sehr präsent.“ Es kann aber auch sichtbar und greifbar werden. Zum Beispiel durch: Knete, aus der eine innere Spannung geformt wird Ton, mit dem ein Schutzpanzer oder ein Bedürfnis gestaltet wird Bilder, die für unterschiedliche Gefühle oder Beziehungserfahrungen stehen Figuren oder Symbole, die innere Anteile oder Beziehungsmuster darstellen Collagen, die innere Dynamiken sichtbar machen Externalisierung schafft Abstand, ohne das Erleben kleinzureden. Es geht nicht darum, etwas „wegzumachen“. Es geht darum, anders damit in Kontakt zu kommen. Arbeiten mit Knete, Ton, Bildern und Symbolen Kreative Materialien können besonders dann hilfreich sein, wenn Menschen sehr verkopft sind oder wenn ein Thema schwer greifbar ist. Mit Knete oder Ton kann zum Beispiel eine Belastung geformt werden. Wie sieht sie aus? Ist sie hart oder weich? Beweglich oder starr? Hat sie Kanten? Ist sie schwer? Was passiert, wenn sie verändert wird? Mit Bildern kann ein innerer Zustand sichtbar gemacht werden. Ein Bild kann manchmal schneller ausdrücken, was sich sprachlich noch nicht sortieren lässt. Dabei geht es nicht um künstlerische Leistung. Niemand muss „gut malen“ oder ästhetisch perfekte Ergebnisse produzieren. Es geht um Bedeutung, Resonanz und innere Orientierung. Auch Symbole können eine große Wirkung haben. Ein Stein kann für Schwere stehen, ein Faden für Verbindung, ein Tier für eine innere Kraft, ein leerer Raum für etwas Fehlendes. Solche Symbole machen sichtbar, was im Gespräch sonst leicht abstrakt bleibt. Innere Anteile: Verschiedene Stimmen in uns Ein weiterer Zugang ist die Arbeit mit inneren Anteilen. Damit ist gemeint, dass wir Menschen nicht immer eindeutig und widerspruchsfrei erleben. In uns können verschiedene innere Stimmen, Bedürfnisse, Schutzstrategien und gelernte Reaktionsweisen gleichzeitig wirken. Ein Teil möchte funktionieren. Ein anderer ist erschöpft. Ein Teil möchte Nähe. Ein anderer schützt sich durch Rückzug. Ein Teil kritisiert. Ein anderer sehnt sich nach Anerkennung. Ein Teil möchte mutig losgehen. Ein anderer hat Angst, etwas falsch zu machen. In der Arbeit mit inneren Anteilen geht es nicht darum, sich selbst in Einzelteile zu zerlegen. Es geht vielmehr darum, innere Dynamiken besser zu verstehen. Viele Anteile haben eine Geschichte. Oft hatten sie einmal eine wichtige Funktion. Vielleicht haben sie geholfen, sich anzupassen, sicher zu bleiben, Erwartungen zu erfüllen oder Verletzungen zu vermeiden. Systemisch betrachtet fragen wir deshalb nicht nur: „Wie werde ich diesen Anteil los?“ Sondern eher: „Wofür ist dieser Anteil entstanden? Was versucht er zu schützen? In welchem Kontext war er einmal sinnvoll? Und welche neue Rolle könnte er heute bekommen?“ Collagenarbeit mit inneren Anteilen Eine meiner liebsten kreativen Methoden ist die Arbeit mit Collagen. Es müssen keine perfekten Bilder entstehen. Man arbeitet mit vorhandenem Material: Zeitschriften, Fotos, Farben, Worten, Formen, Symbolen, Schnipseln. Gerade dadurch kann etwas Überraschendes entstehen. Manchmal spricht ein Bild an, bevor der Kopf erklären kann, warum. Ein Satz aus einer Zeitschrift bleibt hängen. Eine Farbe fühlt sich passend an. Eine Form wirkt wie eine Grenze, ein Schutz, eine Sehnsucht oder ein innerer Widerstand. In der Arbeit mit inneren Anteilen kann eine Collage zum Beispiel einem bestimmten Anteil gewidmet sein. Beispiel: Das verspielte innere Kind Eine Collage zum verspielten inneren Kind könnte bunte Farben, Bewegung, Natur, Tiere, Fantasiewelten oder Erinnerungen an unbeschwerte Momente enthalten. Vielleicht finden sich Bilder von Freiheit, Kreativität, Neugier oder Leichtigkeit. In der Reflexion könnten Fragen entstehen wie: Was macht diesem Anteil Freude? Wann zeigt er sich in deinem Leben? Wie ist dein inneres Bild dieses Anteils? Welche Bedürfnisse nach Kreativität, Spiel oder Lebendigkeit bringt er mit? Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen oder hohe Ansprüche an sich selbst haben, entdecken hier oft eine Seite von sich, die im Alltag wenig Beachtung findet. Beispiel: Der kritische Anteil Eine Collage zum kritischen Anteil könnte strenge Worte, beobachtende Augen, Regeln, Checklisten, Perfektion oder klare Strukturen enthalten. Vielleicht dominieren dunklere Farben, scharfe Kanten oder kontrollierende Symbol. Auf den ersten Blick wirkt dieser Anteil häufig anstrengend oder hart. Im Gespräch zeigt sich jedoch oft, dass er eine wichtige Schutzfunktion übernommen hat. Mögliche Reflexionsfragen: Wovor möchte dieser Anteil dich schützen? Welche Botschaften wiederholt er? Was ist dein inneres Bild dieses Anteils? Was bräuchte er, um etwas mehr Vertrauen zu entwickeln? Systemisch betrachtet ist die spannende Frage oft nicht, wie man diesen Anteil loswird, sondern welche Aufgabe er ursprünglich übernommen hat. Beispiel: Der Abenteuer-Anteil Eine Collage zum Abenteuer-Anteil könnte Reisen, weite Landschaften, Berge, Straßen, Bewegung, Mut, Entdeckung oder neue Horizonte zeigen. Vielleicht tauchen Bilder von Freiheit, Neugier, Veränderung oder Selbstbestimmung auf. Dieser Anteil steht häufig für Entwicklung, Wachstum und die Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen. Mögliche Reflexionsfragen: Wonach sehnt sich dieser Anteil? Was ist dein inneres Bild dieses Anteils? Was möchte er entdecken oder ausprobieren? Bei welchen Aktivitäten fühlst du ihn? Welche Farben, Formen kommen dabei auf? Gerade in Veränderungsprozessen kann dieser Anteil eine wichtige Ressource sein. Gleichzeitig gerät er manchmal in Konflikt mit Anteilen, die Sicherheit und Kontrolle bevorzugen. Beispiel: Der bedürftige Anteil Eine Collage zum bedürftigen Anteil könnte Bilder von Nähe, Geborgenheit, Wärme, Unterstützung oder Schutz enthalten. Vielleicht finden sich auch Symbole für Einsamkeit, Sehnsucht oder Verbundenheit. Dieser Anteil macht oft sichtbar, was Menschen brauchen, sich aber nicht immer erlauben: Unterstützung, Zuwendung, Verständnis, Ruhe oder emotionale Nähe. Mögliche Reflexionsfragen: Welche Bedürfnisse bringt dieser Anteil mit? Wann meldet er sich besonders deutlich? Wonach sehnt sich dieser Anteil? Welches innere Bild/Gefühl hast du zu ihm? Für viele Menschen ist die Begegnung mit diesem Anteil besonders berührend. Nicht selten wurde Bedürftigkeit im Laufe des Lebens als Schwäche bewertet. Die Collage kann helfen, diesen Anteil neugierig und wertschätzend kennenzulernen. In der praktischen Arbeit entstehen häufig mehrere Collagen gleichzeitig. Besonders spannend wird es, wenn verschiedene Anteile miteinander in Beziehung gesetzt werden. Was würde der kritische Anteil dem verspielten inneren Kind sagen? Wie reagiert der Abenteuer-Anteil auf die Bedürfnisse des bedürftigen Anteils? Welche Allianzen und Konflikte zeigen sich innerhalb des inneren Systems? Oft entstehen genau hier neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten. Was Collagen ermöglichen können Collagen können innere Prozesse auf mehreren Ebenen sichtbar machen. Sie helfen dabei, Abstand zu gewinnen. Ein innerer Anteil ist dann nicht mehr „die ganze Wahrheit über mich“, sondern ein Teil meines inneren Systems. Über ein Bild zu sprechen ist manchmal leichter, als direkt über sich selbst zu sprechen. Sie machen Ambivalenzen sichtbar. Verschiedene Bilder, Farben und Worte können nebeneinander existieren, ohne sofort aufgelöst werden zu müssen. Sie fördern Selbstmitgefühl. Wenn die Funktion eines Anteils sichtbar wird, entsteht oft weniger Kampf gegen sich selbst. Sie öffnen neue Handlungsmöglichkeiten. Wenn ein Anteil nicht mehr nur automatisch wirkt, sondern betrachtet und verstanden werden kann, entsteht mehr Wahlfreiheit. Und sie bringen oft etwas ins Gespräch, das über reines Nachdenken schwer zugänglich wäre: Körperempfinden, Intuition, Atmosphäre, Beziehungserfahrungen, Sehnsucht, Schutz und alte Bedeutungen. Wie ich Collagen in meine Arbeit integriere In meiner systemischen Arbeit nutze ich Collagen nicht als starre Methode, die für alle passt. Vorher bespreche ich gemeinsam mit meinen Klient*innen, ob diese Form des Arbeitens für sie stimmig ist. Manche Menschen haben direkt Lust darauf. Andere möchten lieber anders arbeiten. Beides ist vollkommen in Ordnung. Wenn Collagen passend erscheinen, können sie zum Beispiel als Hausaufgabe zwischen zwei Sitzungen entstehen. Dafür gebe ich eine kleine Anleitung und Fokusfragen mit. Es geht nicht darum, etwas Schönes oder Perfektes zu gestalten. Es geht darum, einem inneren Erleben Form zu geben. Mögliche Fokusfragen können sein: Welcher innere Anteil ist gerade besonders präsent? Welche Bilder, Farben oder Worte passen zu diesem Anteil? Was versucht dieser Anteil für dich zu tun? Wovor schützt er dich vielleicht? Was möchte er sagen? Was braucht er heute? Welche Beziehung möchtest du zu diesem Anteil entwickeln? In der nächsten Sitzung schauen wir gemeinsam auf die Collage. Nicht bewertend, sondern neugierig. Was fällt auf? Was überrascht? Welche Bedeutungen zeigen sich? Welche Geschichte erzählt die Collage? Was wirkt stärkend, was engt ein, was möchte gesehen werden? Die Collage wird dadurch nicht einfach „analysiert“, als gäbe es eine richtige Deutung. Vielmehr entsteht ein gemeinsamer Reflexionsraum. Die Bedeutung liegt nicht im Material selbst, sondern in dem, was die Person damit verbindet. Kreative Methoden als Einladung zum Perspektivwechsel Kreative und visualisierende Methoden können systemische Arbeit bereichern, weil sie innere und äußere Wirklichkeiten sichtbar machen. Sie schaffen Abstand, eröffnen neue Beschreibungen und laden dazu ein, mit sich selbst anders in Kontakt zu kommen. Manchmal braucht Veränderung nicht sofort eine Lösung. Manchmal beginnt sie damit, etwas überhaupt erst sehen zu können. Eine Collage, ein Stück Ton, ein Bild oder ein Symbol kann dann zu einer Einladung werden: hinzuschauen, zu differenzieren, zu würdigen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Herzlichst, Luisa

  • Dienstleistung der Kindheit: Wie alte Familienrollen heute dein Leben beeinflussen

    Haben Sie sich jemals gefragt, warum Sie im Team-Meeting immer die Person sind, die die Wogen glättet? Warum Sie bei Kritik sofort in den Verteidigungsmodus gehen oder warum Sie sich in Ihrer Partnerschaft oft unsichtbar machen? Der Ursprung dessen liegt meist Jahrzehnte zurück. In unseren Herkunftsfamilien haben wir Verträge unterschrieben, bevor wir sprechen konnten. Diese Verträge nennen wir Familienrollen . In einem dysfunktionalen System sind diese Rollen keine Charakterzüge, sondern Überlebensstrategien . Was ist ein dysfunktionales System? Ein System gilt dann als dysfunktional, wenn die Bedürfnisse der Erwachsenen (durch Sucht, psychische Krankheiten, unverarbeitete Traumata oder extreme Überforderung) über denen der Kinder stehen. Das Gleichgewicht des Systems ist instabil. Um den drohenden Kollaps zu verhindern, übernehmen Kinder unbewusst Funktionen, die eigentlich nicht ihre Aufgabe sind. Kinder übernehmen diese Rollen nicht bewusst, sondern als notwendige Anpassungsleistung. In einem instabilen Umfeld liegt die Sicherung von Bindung und Zugehörigkeit immer vor der eigenen Authentizität – das Rollenverhalten ist also der Versuch, die Verbindung zu den Bezugspersonen um jeden Preis aufrechterhalten Hier sind die fünf klassischen Rollen von Kindern in dysfunktionalen Familiensystemen: 1. Die/der Verantwortliche (Held*in) Diese Rolle wird oft vom ältesten Kind eingenommen. Wenn Eltern emotional oder faktisch ausfallen, springt die/der Verantwortliche in die Lücke. In der Kindheit:  Sie organisieren den Haushalt, kümmern sich um Geschwister und sind „kleine Erwachsene“. Sie sind der Stolz der Eltern, weil sie so „vernünftig“ sind. Eigene Bedürfnisse werden nicht in den Vordergrund gestellt. Held*innen können sehr früh nicht mehr Kinder sein. Im Erwachsenenalter:  Sie sind die High-Achiever im Job, leiden aber unter chronischer Überforderung und häufig unter dem "Funktionsmodus" Späteres Beziehungsleben:  Sie fühlen sich für das Glück und die Rettung ihrer Partner*innen oder anderer Menschen verantwortlich. Generell zeigen diese Erwachsenen eine sehr hohe Verantwortungsübernahme (oft über die eigenen Grenzen hinaus). Vertrauen und Loslassen fallen ihnen schwer, da „Kontrolle“ für sie gleichbedeutend mit „Sicherheit“ ist. 2. Der Sündenbock (Symptomträger*in) Der Sündenbock ist der „Blitzableiter“. Er lenkt durch auffälliges Verhalten (Wut, Rebellion, Schulprobleme) von den eigentlichen Konflikten der Eltern ab. In der Kindheit:  Der Sündenbock gilt als das „Problemkind“. Doch systemisch betrachtet ist er der ehrlichste Teil der Familie: Er macht die Dysfunktion im System sichtbar. Im Erwachsenenalter:  Oft tragen diese Menschen tiefe Selbstzweifel in sich („Ich bin grundsätzlich falsch“). Sie haben ein extremes Gespür für Ungerechtigkeit, sabotieren sich aber oft selbst. Beziehungsleben:  Sie suchen sich oft unbewusst Umgebungen, in denen sie wieder die Rolle der/des „Schuldigen“ übernehmen können, oder reagieren hochempfindlich auf jede Form von Kritik. 3. Das verlorene Kind (Das unsichtbare Kind) Während andere Rollen laut sind, ist dieses Kind leise. Es zieht sich in eine Fantasiewelt zurück, um keine weitere Last zu sein. In der Kindheit:  Das Kind braucht scheinbar nichts und macht keine Sorgen. Es wird oft übersehen, was zu einer massiven inneren Einsamkeit führt. Rückzug dient hier als Schutzstrategie. Häufig zeigt sich diese Rolle bei jüngeren Geschwistern, wenn ältere z.B. die Sündenbock-Rolle haben. Im Erwachsenenalter:  Diese Erwachsenen haben oft Schwierigkeiten, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt zu spüren. Sie neigen zu Rückzug und „Ghosting“, wenn es emotional eng wird. Beziehungsleben:  Sie fühlen sich oft einsam, selbst wenn sie in einer Partnerschaft sind. Sie warten darauf, dass jemand sie „sieht“, ohne dass sie sich erklären müssen. 4. Der Sonnenschein (Familien-Clown) Die Aufgabe dieser Rolle ist die Stimmungsregulation. Durch Humor und Charme versucht dieses Kind, die Schwere im Haus wegzulachen oder wegzualbern. In der Kindheit:  Der Sonnenschein spürt Spannungen sofort und interveniert mit einem Witz oder einer Performance. Er/Sie ist der „Kleber“, der die Familie bei Laune hält. Die Funktion ist, von Spannungen, Konflikten oder schweren Themen abzulenken. Im Erwachsenenalter:  Es fällt ihnen schwer, ernsthafte Gespräche zu führen oder negativ konnotierte Gefühle zu zeigen. Hinter der Fassade lauert oft die Angst, wertlos zu sein, wenn man niemanden unterhält. Ebenso wird ein häufig auftretendes Gefühl von Einsamkeit erlebt verbunden mit dem Mangel an tiefen Verbindungen. Beziehungsleben:  Sie weichen Konflikten mit Humor aus. Tiefe Intimität macht ihnen Angst, weil sie befürchten, dass ihr „echtes“, trauriges Ich nicht liebenswert ist. 5. Das Goldene Kind (Aushängeschild) Ähnlich wie der Held, aber mit Fokus auf Projektion. Es dient als Reparaturkit für den verletzten Selbstwert der Eltern. In der Kindheit:  Es darf keine Fehler machen. Es wird idealisiert und für die (unerfüllten) Träume der Eltern benutzt. Liebe ist hier an extreme Bedingungen geknüpft. Im Erwachsenenalter:  Massiver Perfektionismus und das „Imposter-Syndrom“ (die Angst, als Blender*in entlarvt zu werden) sind ständige Begleiter. Beziehungsleben:  Der Selbstwert hängt fast nur von der Bestätigung des Gegenübers ab. Kritik wird als totale Vernichtung der Identität erlebt. Die Funktion der System-Stabilisierung (Homöostase) Alle Rollen dienen dazu, das Familiensystem im Gleichgewicht zu halten. Der/Die Held*in  stützt die Fassade. Der Sündenbock  bündelt die Spannungen. Der Clown  lockert die Schwere auf. Das verlorene Kind  spart Ressourcen. Das goldene Kind  liefert Selbstwert. Ohne diese Rollen müsste sich das System den schmerzhaften Kernkonflikten (Sucht, Gewalt, Leere) stellen. Die Rollen sind der Klebstoff, der den Zusammenbruch verhindert. Besonders Virginia Satir , später Claudia Black  sowie Sharon Wegscheider-Cruse  haben diese Muster beschrieben. Alle Familienrollen in der Kindheit haben gemeinsam, dass Kinder ein feines Gespür für die Außenwelt (die Eltern, das Klima im Haus) entwickelt, aber den Kontakt zu ihrer Innenwelt verloren haben. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse werden unterdrückt, weil sie in der Ausübung der Rolle stören würden. Man lernt, zu reagieren  statt zu agieren . Besonders Virginia Satir , später Claudia Black  sowie Sharon Wegscheider-Cruse  haben diese Muster beschrieben. Die Auswirkungen auf das Beziehungsleben als Erwachsene Das Tragische an diesen Rollen ist, dass wir sie unbewusst in unser Erwachsenenleben exportieren. In der systemischen Therapie nennen wir das Reinszenierung . Wir suchen uns unbewusst Partner*innen, die unser „altes Kostüm“ perfekt ergänzen. Die/der Verantwortliche sucht sich jemanden, der/die gerettet werden will. Der Sündenbock sucht sich jemanden, der ihn kritisiert. Das verlorene Kind sucht sich jemanden, der es übersieht. Wir tun dies nicht, weil wir leiden wollen, sondern weil das Vertraute (auch wenn es schmerzhaft ist) sich sicherer anfühlt als das Unbekannte. Wie kommen wir aus der Rolle heraus? Der Ausstieg aus der Familienrolle beginnt mit der Reflexion . Wenn wir verstehen, dass unser Verhalten kein Charakterfehler, sondern eine alte Dienstleistung am System war, können wir den "Vertrag kündigen". Anerkennung:  Würdigen Sie Ihre Rolle. Sie hat Ihnen als Kind geholfen, zu überleben. Differenzierung:  Wer bin ich, wenn ich nicht mehr funktioniere/lache/schweige? Grenzen:  Lernen Sie, die Verantwortung für die Gefühle anderer dorthin zurückzugeben, wo sie hingehören. Fazit Heilung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu löschen, sondern die Rüstung abzulegen, die uns heute am Atmen hindert. Sie müssen nicht mehr das „pflegeleichte“ Kind oder der „starke“ Held sein. In meiner systemischen Praxis in Berlin begleite ich Menschen dabei, diese alten Rollen zu dekonstruieren und den Raum für ihr echtes, ungeschöntes Selbst zurückzuerobern. Wessen Rolle spielen Sie heute noch? Und sind Sie bereit, die Bühne zu verlassen? Wenn Sie Unterstützung dabei brauchen, Ihre alten Muster zu verstehen und neue Verhaltensweisen zu erarbeiten, freue ich mich, Sie in meiner Praxis begrüßen zu dürfen.

  • Kinder in belasteten Familien

    Einleitung In vielen Familien entstehen unausgesprochene Regeln darüber, wie Nähe, Konflikte, Verantwortung und Emotionen gehandhabt werden. Wenn Belastungen wie psychische Erkrankungen, Krisen, Suchterkrankungen, chronischer Stress, Gewalt oder emotionale Abwesenheit hinzukommen, entwickeln Kinder oft bestimmte Rollen, um das Familiensystem stabil zu halten. Diese Rollen sind keine bewussten Entscheidungen, sondern Anpassungsleistungen: Versuche, Bindung und Zugehörigkeit zu sichern, Spannungen zu regulieren oder Überforderung auszugleichen. Systemisch betrachtet sind diese Rollen nicht pathologisch. Sie erfüllen eine Funktion im jeweiligen Kontext. Gleichzeitig können sie langfristig einen hohen Preis haben, wenn sie ins Erwachsenenleben übernommen werden. Fünf mögliche Rollen im Überblick 1. Das verantwortliche Kind ("Parentifiziertes Kind") Gewinn: Frühe Selbstständigkeit Gefühl von Kontrolle und Kompetenz Anerkennung durch Erwachsene Preis: Überforderung und emotionale Erschöpfung Schwierigkeit, Hilfe anzunehmen Tendenz zu Schuldgefühlen und Selbstüberforderung 2. Der Sonnenschein Gewinn: Entlastung des Familiensystems durch positive Stimmung Anerkennung für Fröhlichkeit und Vermittlung Gefühl von Bedeutung durch Stimmungsregulation Preis: Verdrängung eigener belastender Gefühle Schwierigkeit, traurig, wütend oder hilflos zu sein Hoher innerer Druck, funktionieren zu müssen 3. Das rebellische oder auffällige Kind ("Sündenbock"/ Symptomträger*in ) Gewinn: Ablenkung von familiären Kernproblemen Sichtbarkeit im System Ausdruck von unterdrückten Spannungen Preis: Stigmatisierung als „Problemkind“ Konfliktreiche Beziehungen Erhöhtes Risiko für Selbstabwertung 4. Das leistungsstarke Kind ("Das goldene Kind") Gewinn: Anerkennung und Stolz für die Familie Struktur und Orientierung Gefühl von Wert durch Leistung Preis: Hoher innerer Druck Angst vor Versagen Verknüpfung von Selbstwert und Leistung 5. Das zurückgezogene oder unsichtbare Kind ("Das verlorene Kind") Gewinn: Selbstschutz durch Rückzug Reduktion von Konfliktbeteiligung Innere Autonomie Preis: Gefühl von Einsamkeit Schwierigkeiten mit Nähe Geringe Selbstwirksamkeitserfahrung Systemtheoretische Einordnung Aus systemtheoretischer Perspektive entstehen diese Rollen für Kinder aus belasteten Familien nicht aus individuellen Defiziten, sondern aus der Logik des Systems. Familien sind selbstregulierende Systeme, die auf Stabilität angewiesen sind. Kinder übernehmen Rollen, um das Gleichgewicht zu sichern, Spannungen zu verteilen oder Unsagbares auszudrücken. Wichtig ist dabei: Eine Rolle ist keine feste Identität. Sie ist eine situative Antwort auf bestimmte Bedingungen. Wenn sich der Kontext ändert, können sich auch Rollen verändern. Problematisch wird es dann, wenn alte Rollen in neuen Lebenssituationen unbewusst weiterwirken. Systemisch lässt sich dieses Verhalten auch mit dem Begriff der blinden Loyalität  beschreiben. Kinder sind ihrem Familiensystem zutiefst verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus übernehmen sie Aufgaben, Haltungen oder Funktionen, oft ohne deren Tragweite überblicken zu können. Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil sie loyal sind. Weil Bindung und Zugehörigkeit existenziell sind und als psychologische Grundbedürfnisse von Menschen erachtet werden. Die Rollen entstehen somit aus Liebe zum System, nicht aus Defizit. Sie dienen dem Erhalt von Beziehung, Bindung und innerer Ordnung. Erst später, wenn sich Lebenskontexte verändern, kann sichtbar werden, welchen Preis diese Loyalität hatte. Systemische Therapie In der systemischen Arbeit geht es nicht darum, Rollen „abzulegen“ oder zu bewerten. Stattdessen wird erforscht: In welchem Kontext die Rolle entstanden ist Welche Funktion sie erfüllt hat Wie sie heute noch wirkt Methodisch arbeite ich unter anderem mit: Externalisierung (die Rolle als etwas betrachten, das man hat , nicht ist ) Genogrammarbeit zur Sichtbarmachung familiärer Muster Arbeit mit inneren Anteilen Körperorientierten Zugängen, um alte Spannungen wahrzunehmen Ziel ist es, Wahlmöglichkeiten zu erweitern und neue Positionierungen und Verhaltensweisen im Hier und Jetzt zu ermöglichen. Fragen zur Selbstreflexion Diese Fragen sind Einladungen zur Selbstbeobachtung, nicht zur schnellen Lösung: Welche Rolle erkenne ich bei mir wieder? In welchen Situationen zeigt sie sich heute besonders stark? Wobei hat mir diese Rolle früher geholfen? Was ermöglicht sie mir heute noch? Was kostet es mich, sie automatisch weiterzuführen? Manche Antworten zeigen sich sofort, andere erst im Laufe der Zeit. Beides ist in Ordnung. Abschließende Gedanken Die Auseinandersetzung mit frühen Rollen kann entlastend, irritierend oder berührend sein. Systemisch betrachtet geht es nicht darum, die Vergangenheit zu reparieren, sondern die Gegenwart bewusster zu gestalten. Rollen dürfen gewürdigt werden, bevor sich neue Wege eröffnen.

  • Psychotherapie vs. Systemische Therapie ohne Heilerlaubnis

    Einleitung Das Feld psychosozialer Begleitung ist komplex. Nicht jede Form von „Therapie“ ist gleich. Besonders in der systemischen Arbeit gibt es eine wichtige Differenzierung: Die systemische Therapie kann sowohl heilkundlich  (mit Approbation) als auch nicht-heilkundlich  (ohne Heilerlaubnis) ausgeübt werden. In diesem Artikel erkläre ich, worin sich psychotherapeutische Heilbehandlung und systemische Therapie außerhalb des Heilauftrags unterscheiden, wie systemisch-theoretisch gearbeitet wird, worauf ich in meiner Praxis als systemische Therapeutin ohne  Heilerlaubnis setze, und wann ein /e Klient* in besser psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe sucht. 1. Was ist „Psychotherapie“ im heilkundlichen Sinne? Psychotherapie im gesetzlichen Sinne ist eine Heilbehandlung, also eine medizinisch-psychologische Behandlung psychischer Störungen. In Deutschland dürfen Psychotherapeutinnen mit Approbation  beziehungsweise entsprechend ausgebildete Ärztinnen solche Psychotherapie leisten. Systemische Therapie ist mittlerweile ein anerkanntes Psychotherapie-Richtlinienverfahren: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die systemische Therapie für Erwachsene als Richtlinienverfahren bestätigt. Wer diese Leistung über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet bekommt, braucht die entsprechende Qualifikation (staatlich anerkannte Ausbildung, fachkundige Zulassung). 2. Was bedeutet „systemische Therapie ohne Heilerlaubnis“? Systemische Arbeit beruht auf systemtheoretischen Grundannahmen: Menschen werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil von Systemen (Familie, Paare, Teams, Netzwerke). Probleme werden nicht primär als Krankheit einzelner Personen gesehen, sondern als Ergebnis von Interaktionen , Mustern und Kommunikation in Beziehungen. In der nicht-heilkundlichen systemischen Therapie arbeiten wir mit denselben systemischen Theorien und Methoden (z. B. Genogramme, systemische Fragen, zirkuläres Denken, Hypothesenbildung), aber ohne Heilerlaubnis, Diagnose oder medizinische Behandlung . Der Schwerpunkt liegt auf Entwicklung , Ressourcenaktivierung , Empowerment  und Lösungsorientierung , nicht auf der Pathologisierung. Solche Angebote können sehr flexibel sein: Mehrpersonen-Settings, Paar- oder Familienarbeit, präventive Begleitung oder Coaching-ähnliche Prozesse. 3. Systemtheoretisch fundierte Ansätze in meiner Arbeit als systemische Therapeutin ohne Heilerlaubnis In meiner Praxis (als systemische Therapeutin ohne Heilerlaubnis) arbeite ich mit mehreren systemtheoretischen und verwandten Konzepten: Systemtheorie / Kybernetik Ich betrachte Wechselwirkungen in Systemen (z. B. Familie, Partnerschaft, Arbeitsumfeld) – nicht einzelne Symptome isoliert. Ich nutze zirkuläres Fragen („Wenn du deinem Partner sagst, was du brauchst – was könnte er dann denken?“), um versteckte Muster sichtbar zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen. Konstruktivismus Wir rekonstruieren gemeinsam, wie Probleme Bedeutung bekommen: Was macht ein Verhalten in deinem System „problematisch“? Welche Bedeutung hat es in eurem Beziehungskontext? Ich unterstütze Klient*innen darin, alternative Deutungen zu entwickeln, neue Geschichten zu schreiben und Lösungsspielräume zu entdecken. Ressourcen- und Lösungsorientierung Schon in der ersten Sitzung arbeite ich darauf hin, was funktioniert, was bereits gut ist, welche Fähigkeiten und Stärke vorhanden sind. Dieses Empowerment ist zentral. Ich setze Interventionen, die helfen, eigene Ressourcen zu aktivieren und zu stabilisieren statt auf Defizite zu schauen. Mehrperspektivität / systemische Hypothesenbildung Ich entwickle Hypothesen über Beziehungsdynamiken, die wir gemeinsam reflektieren. Wir beziehen relevante Personen oder „Systemteile“ ein, wenn sinnvoll (z. B. Familienmitglied, Partner, inneres System), um die systemischen Zusammenhänge zu verstehen und zu verändern. Selbstorganisation & Veränderung Ich begleite Menschen dabei, die Selbstorganisation ihres Systems zu stärken: Wie können kleine Veränderungen im Verhalten oder in der Kommunikation große Wirkung entfalten? Ziel ist nicht, eine „Heilung“ zu erzwingen, sondern nachhaltige, selbstgetragene Veränderung zu ermöglichen. 4. Schwerpunkte meiner nicht-heilkundlichen systemischen Arbeit Lebens- und Beziehungsberatung : Paare, Familien, Einzelpersonen, die ihre Kommunikation, Rollen oder Muster verbessern möchten. Krisenbegleitung : Lebens- oder Beziehungs­krisen, Übergangsphasen, Umbruchsituationen (z. B. Trennung, Neuorientierung). Prävention & Entwicklung : Arbeit an Ressourcen, Selbstwirksamkeit, Selbstverständnis, Entscheidungsfindung. Teamentwicklung & Netzwerkarbeit : Wenn mehrere Personen im System beteiligt sind (Familie, Organisation), wirke ich moderierend, klärend, strukturierend. Coaching-artige Prozesse : Ziele setzen, Handlungsspielräume entdecken, strategisches Veränderungsdesign. 5. Wo ist die Abgrenzung zur Psychotherapie? Keine Diagnose / Diagnostik : Ich stelle keine psychischen Krankheitsdiagnosen im ICD- oder DSM-Sinne. Kein Heilversprechen : Meine Arbeit bietet kein therapeutisches Heilmittel im medizinischen Sinn. Kein Kassenplatz / keine Abrechnung über GKV : Da ich ohne Heilerlaubnis arbeite, wird meine Leistung nicht über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet. Nicht für schwere psychische Erkrankungen gedacht : Wenn bei dir eine psychische Störung mit klinischem Bedarf vorliegt (z. B. Depression, Angststörung, Psychose), ist eine heilkundliche Psychotherapie, Psychiatrie oder medizinische Betreuung sinnvoller. Ethik & Transparenz : Ich erkläre von Beginn an, dass es sich um eine nicht-heilkundliche systemische Begleitung handelt damit du genau weißt, was du bekommst. 6. Wann solltest du psychotherapeutische oder psychiatrische Angebote in Betracht ziehen Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll oder notwendig ist, sich an approbierte Psychotherapeut*innen oder psychiatrische Einrichtungen zu wenden: Diagnostizierte psychische Erkrankungen : Wenn du von einem Arzt oder einer Fachperson eine Diagnose (z. B. depressive Störung, Angststörung, Essstörung) erhalten hast. Klinischer Leidensdruck : Starke Symptome, die dein tägliches Leben stark einschränken (z. B. Suizidgedanken, schwere Panikattacken). Langwierige oder chronische psychische Probleme : Wenn sich Muster über Jahre tief verankert haben und eine strukturierte, evidenzbasierte Psychotherapie sinnvoll ist. Medikamentöse Behandlung : Wenn Psychopharmaka zum Einsatz kommen sollen oder bereits Teil deines Behandlungsplans sind, brauchst du ärztliche Begleitung. Abrechnung über die Krankenkasse : Wenn du eine Therapie über die gesetzliche Krankenversicherung anstrebst, ist eine approbierte Psychotherapeut*in mit Kassenzulassung notwendig. 7. Die Rolle der DGSF Ein wichtiger Bezugspunkt in der systemischen Arbeit in Deutschland ist die DGSF – Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie . Die DGSF  ist der größte Fachverband für systemische Arbeit in Deutschland, mit mehreren Tausend Mitgliedern aus Psychologie, Sozialarbeit, Pädagogik, Therapie, Beratung etc. In den „Essentials Systemischer Therapie“ beschreibt die DGSF systemische Therapie als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, das systemische Sichtweisen, Ressourcenarbeit und Mehrpersonen-Settings in den Mittelpunkt stellt. Gleichzeitig weist die DGSF klar darauf hin, dass nicht jede systemische / systemisch qualifizierte Person automatisch heilkundlich tätig sein darf - je nach Qualifikation und Erlaubnis kann Arbeit ohne  Heilauftrag stattfinden. Auf gesundheitspolitischer Ebene setzt sich die DGSF für die Anerkennung systemischer Verfahren ein und klärt über sozialrechtliche Rahmenbedingungen auf. Fazit Systemische Therapie ohne Heilerlaubnis  ist eine seriöse, effiziente und ressourcenorientierte Form der Begleitung aber kein Ersatz  für heilkundliche Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen. Ich arbeite systemisch, um Beziehungen, Kommunikationsmuster, Ressourcen und Selbstorganisation zu fördern, nicht um psychische Diagnosen zu behandeln. Wenn dein Anliegen eher in Richtung persönliche Weiterentwicklung, Beziehungsdynamik oder Lebensfragen geht, kann meine Begleitung sehr hilfreich sein. Wenn du hingegen unter psychischen Symptomen leidest, die diagnostizierbar sind oder medizinisch behandelt werden sollten, ist es sinnvoll, eine Psychotherapeutin / einen Psychotherapeuten oder eine psychiatrische Fachperson aufzusuchen. Die DGSF  ist ein wichtiger Anker: Durch ihre Professionalisierung, Standards und Fachlichkeit wird systemische Arbeit auf hohem Niveau ausgeübt auch ohne Heilauftrag.

  • Zwischen den Stühlen - Wie Kinder elterliche Konflikte und Trennung erleben

    Eine Trennung oder Scheidung ist selten eine einfache Entscheidung. Sie bedeutet oft das Ende gemeinsamer Träume, das Loslassen von Gewohntem, das Neuordnen von Leben, Rollen und Beziehungen. Für Erwachsene ist sie meist ein Prozess voller Emotionen: Schmerz, Enttäuschung, Schuld, Wut, Trauer, manchmal auch Erleichterung oder Hoffnung auf Neubeginn. Es geht hierbei nicht um eine Bewertung dieser Gefühle. Diese Phase fordert enorm viel Kraft. Neben der eigenen emotionalen Verarbeitung müssen gleichzeitig viele praktische und organisatorische Fragen geklärt werden: Wohnort, Finanzen, Betreuung, Kommunikation. Und mittendrin stehen die Kinder. In dieser komplexen Situation möchten Eltern in der Regel das Beste für ihre Kinder. Doch wenn Konflikte stark werden oder ungelöste Verletzungen zwischen den Erwachsenen weiterwirken, geraten Kinder schnell in Spannungsfelder, die sie kaum bewältigen können. Dies geschieht (meist) unbeabsichtigt und häufig zu Beginn auch unmerkbar. Doppelte Loyalität – wenn Kinder in Konflikte geraten, die nicht ihre sind Kinder lieben in der Regel beide Eltern . Wenn diese beiden Menschen nun sehr konflikthaft miteinander umgehen oder im Streit auseinandergehen, entsteht für das Kind ein innerer Konflikt: „Wenn ich Mama lieb habe, verrate ich Papa?“ „Darf ich bei Papa glücklich sein, wenn Mama traurig ist?“ (dies gilt ebenso in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften) Diese sogenannten Loyalitätskonflikte  sind für Kinder schmerzhaft, weil sie sich mit beiden Eltern identifizieren. Beide bilden wichtige Bezugspunkte ihrer Identität. Wenn Eltern schlecht übereinander sprechen oder versuchen, das Kind auf ihre Seite zu ziehen, entsteht in der inneren Welt des Kindes eine Zerrissenheit: Es kann nicht mehr gleichzeitig zu beiden Eltern loyal sein, ohne möglicherweise gegen einen Teil seiner selbst zu handeln. Hochstrittigkeit – wenn das Familiensystem in Dauerstress gerät In hochstrittigen Trennungen wird diese Spannung bes onders sichtbar. Kinder sp üren, wenn Eltern schlecht übereinander sprechen, über sie kommunizieren oder wenn Konflikte in Übergabesituationen eskalieren. Sie reagieren darauf unter anderem mit Anpassung – versuchen, zu vermitteln, ruhig zu bleiben oder unauffällig zu werden. Manche übernehmen unbewusst die Rolle des „Trösters“ oder „Vermittlers“. Andere zeigen auffälliges Verhalten, Wut oder Rückzug. All das sind Versuche, das System zu stabilisieren . Doch dauerhaft führt dieser Stress zu einer enormen inneren Belastung. Kinder entwickeln Schuldgefühle, Angst, sich falsch zu verhalten, und beginnen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Identität und die Bedeutung beider Elternteile Kinder konstruieren ihre Identität immer aus beiden Elternteilen . Sie tragen Merkmale, Eigenschaften und Anteile von Mutter und Vater in sich – unabhängig davon, wie die Beziehung der Eltern zueinander ist. Wenn nun einer dieser Elternteile abgewertet oder ausgeschlossen wird, kann das Kind diesen Teil in sich selbst schwer annehmen. „Wenn Papa schlecht ist – und ich doch ein Teil von Papa bin – was bedeutet das über mich?“ So entsteht ein innerer Konflikt, der das Selbstbild und den Selbstwert des Kindes langfristig beeinflussen kann. Kinder brauchen das Gefühl, dass beide Eltern „in Ordnung“ sind , um sich selbst als ganz empfinden zu können. Systemische Perspektive: Das Kind als Spiegel des Systems Aus systemischer Sicht zeigt sich in den Reaktionen der Kinder oft, was im Familiensystem unausgesprochen oder ungelöst ist . Das Kind wird zum Symptomträger. Nicht, weil mit ihr/ihm „etwas nicht stimmt“, sondern weil es das emotionale Klima des Systems widerspiegelt. Wenn Kinder nach einer Trennung auffälliger, stiller, ängstlicher oder wütender werden, lohnt es sich zu fragen: Was möchte dieses Verhalten uns zeigen? Wofür ist dieses Verhalten ein Hinweis? Die systemische Haltung richtet den Blick weg von Schuldfragen hin zu Zusammenhängen  und erkennt an, dass jedes Verhalten einen Sinn im Kontext hat. Wie systemisch gearbeitet wird In der systemischen Beratung kann auf mehreren Ebenen angesetzt werden: Auf Elternebene Eltern werden unterstützt, ihre Konflikte außerhalb des Kindes  zu bearbeiten. Es geht darum, wieder eine Kooperation auf Elternebene  zu ermöglichen, auch wenn die Paarbeziehung gescheitert ist. Wichtig ist die Botschaft: „Unser Konflikt ist nicht deiner.“ Auf Kind-Ebene Kinder dürfen ihre Gefühle ausdrücken, ihre Wahrnehmungen benennen und verstehen, dass sie nicht verantwortlich für die Eltern sind. Methoden wie Familienbrett, Figurenarbeit oder Bildarbeit helfen, das innere Erleben sichtbar zu machen. Zentral ist die Erlaubnis: „Du darfst beide Eltern lieben.“ Auf Systemebene Es wird gemeinsam betrachtet, welche Dynamiken, Aufträge oder unausgesprochenen Erwartungen das System belasten. Ziel ist Entlastung: klare Zuständigkeiten, wertschätzende Kommunikation und das Wiederfinden einer funktionalen Ordnung. Fazit: Kinder brauchen eine innere Erlaubnis und Eltern, die Verantwortung übernehmen- Trennungen sind schmerzhaft und fordernd für al le Beteiligten. Kinder kom men mit Veränderungen besser zurecht, wenn sie erleben, dass die Erwachsenen ihre Verantwortung tragen und sie nicht zwischen Loyalitäten aufgerieben werden. Systemisch gesehen ist der Konflikt kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck einer Überforderung des Systems , das neue Balance sucht. Wenn Eltern lernen, Spannungen zu regulieren, statt sie über die Kinder auszutragen, entsteht Raum für Entwicklung für alle Beteiligten. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die in ihrer Unterschiedlichkeit bleiben dürfen, auch wenn das herausfordernd ist. Gern stehe ich in diesen Prozessen beratend zur Seite. Melde dich gern per E-Mail. Herzlichst, Luisa

  • Das Skript von Bindung und Liebe

    Liebe ist eine der kraftvollsten Erfahrungen unseres Lebens. Doch hast du dich jemals gefragt, welches Skript du für die Liebe mit dir trägst? Oft sind unsere Vorstellungen, Erwartungen und Verhaltensmuster in Beziehungen nicht zufällig, sondern tief in uns verankert – geprägt durch unsere Herkunft, Erlebnisse und Prägungen aus früheren Beziehungen. Dein inneres Drehbuch Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens unbewusst ein inneres Drehbuch für die Liebe. Dieses Skript beeinflusst, wie wir lieben, wie wir mit Konflikten umgehen, wie (und ob) wir Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren und welche Erwartungen wir an unsere Partner:innen haben. Es kann von Erfahrungen aus der Kindheit, beobachteten Beziehungsmustern in der Familie oder auch gesellschaftlichen Narrativen beeinflusst sein. Welche Liebesmuster hast du in deiner Familie beobachtet? Welche Erfahrungen haben dein Bild von Liebe geprägt? Welche Erwartungen hast du an eine Partnerschaft? Liebe als Wiederholung oder bewusste Gestaltung? Oft wiederholen wir unbewusst Muster aus unserer Vergangenheit. Wenn wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Liebe an Bedingungen geknüpft war, kann es sein, dass wir uns (oder anderen) auch in erwachsenen Beziehungen erst "beweisen" müssen, um Liebe zu erhalten. Umgekehrt kann ein sicherer und liebevoller Hintergrund das Vertrauen in stabile Beziehungen stärken. Doch unser Skript ist nicht in Stein gemeißelt. Wir haben die Möglichkeit, unsere Muster zu erkennen und neu zu definieren. Einladung zur Reflexion Ein erster Schritt kann sein, sich bewusst mit dem eigenen Liebesskript auseinanderzusetzen. Frage dich: Welche Grundannahmen habe ich über Liebe? Wo spüre ich Wiederholungen in meinen Beziehungen? Was wünsche ich mir in der Liebe wirklich? Sich dieser Muster bewusst zu werden, kann helfen, sich aus belastenden Dynamiken zu lösen und die eigene Art zu lieben bewusst zu gestalten. Liebe kann eine bewusste Entscheidung sein – eine Entscheidung für mehr Freiheit, Authentizität und gegenseitiges Wachstum. Was ist dein Skript von Liebe – und willst du es vielleicht umschreiben? Das Thema Bindung  ist in den letzten Jahren sehr präsent geworden. In Büchern, Podcasts und auf Social Media wird viel über Bindungsangst , „toxische Beziehungen“ oder „emotionale Unverfügbarkeit“ gesprochen. Die Bindungstheorie, ursprünglich entwickelt von John Bowlby und später weiter ausgearbeitet von Mary Ainsworth, liefert wertvolle Grundlagen, um diese Dynamiken zu verstehen. Doch während die Bindungstheorie auf individuelle Muster fokussiert, schaut die systemische Perspektive  zusätzlich auf den Beziehungs- und Interaktionskontext: Wie wirken beide Partner:innen miteinander zusammen? Welche Muster wiederholen sich? Welche Bedeutungen haben Nähe, Distanz und Sicherheit in einem Beziehungssystem? Die vier klassischen Bindungsstile nach Bowlby Sicherer Bindungsstil: M enschen mit sicherer Bindung können Nähe zulassen und Distanz aushalten. Sie fühlen sich in Beziehungen grundsätzlich geborgen und vertrauen darauf, dass Konflikte lösbar sind. Unsicher-vermeidender Bindungsstil: Nähe wird als bedrohlich oder einengend erlebt. Betroffene ziehen sich oft zurück, wenn es emotional wird, und wirken distanziert. Dahinter steckt meist die Angst vor Zurückweisung. Unsicher-ambivalenter Bindungsstil: Diese Personen suchen starke Nähe und Bestätigung, sind aber gleichzeitig unsicher, ob diese verlässlich ist. Sie reagieren sensibel auf kleinste Signale von Distanz und haben oft Angst, verlassen zu werden. Desorganisierter Bindungsstil: Nähe und Distanz sind hier stark widersprüchlich. Menschen mit diesem Stil schwanken zwischen Bedürfnis nach Nähe und Angst davor, verletzt zu werden. Oft entstehen intensive, konflikthafte Beziehungen. Warum reden heute so viele über Bindungsangst und Unfähigkeit zu lieben? In unserer Gegenwart sind Beziehungen zunehmend wahlfrei und instabiler  als früher. Partnerwahl geschieht nicht mehr nur durch soziale Rahmenbedingungen, sondern durch individuelle Entscheidungen. Gleichzeitig steigt der Druck: Beziehungen sollen sicher, erfüllend, leidenschaftlich und stabil  sein. Bindungsangst wird heute schnell selbst diagnostiziert – manchmal auch vorschnell. Systemisch gesehen macht es wenig Sinn, jemanden als „bindungsunfähig“ zu etikettieren. Denn: Bindungsverhalten ist immer eine Antwort auf Beziehungserfahrungen. Muster entstehen nicht isoliert, sondern im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen. In einer aktuellen Partnerschaft können alte Bindungserfahrungen reaktiviert  werden – sie sind also kontext- und beziehungsabhängig. Statt Schuld oder Defizite zu suchen, fragen wir systemisch: „Wie macht dieses Verhalten Sinn in der Geschichte dieses Menschen – und wie wirkt es im aktuellen Beziehungssystem?“ Wie sich Bindungsstile gegenseitig anziehen können Spannend ist, dass sich Bindungsstile häufig ergänzen – manchmal auf schmerzhafte Weise: Ambivalent + vermeidend: Der eine sucht Nähe, der andere Distanz. Dieses Wechselspiel verstärkt die Muster: je mehr Nähe einer sucht, desto mehr Rückzug beim anderen – ein Teufelskreis. Sicher + unsicher: Ein sicher gebundener Mensch kann Stabilität geben, sodass der unsichere Partner mehr Vertrauen entwickelt. Ambivalent + ambivalent: Beide Partner leben starke Schwankungen zwischen Nähe und Angst – Konflikte und Dramen sind vorprogrammiert. Systemisch betrachtet geht es weniger um „richtig“ oder „falsch“, sondern darum, wie Muster miteinander in Resonanz treten . Paare geraten oft unbewusst in Dynamiken, die die alten Bindungserfahrungen immer wieder inszenieren. Arbeit in der systemischen Einzel- und Paartherapie 1. Hypothesenbildung Ich schaue darauf, wie Bindungsmuster in Interaktionen sichtbar werden: Wer geht in den Rückzug, wenn es emotional wird? Wer sucht dann umso mehr Nähe? Welche Gefühle und Geschichten stehen dahinter? 2. Zirkuläre Fragen Beispiele: „Was glaubst du, wie sich deine Beziehungsperson fühlt, wenn du dich zurückziehst?“ „Was für eine Botschaft steckt in diesem Verhalten & was soll damit geschützt werden?“ 3. Externalisierung Bindungsangst oder Rückzug werden als eigenständige „Akteure“ betrachtet: „Was macht die Angst in eurer Beziehung?“ „Wie verführt der Rückzug euch beide dazu, in alte Rollen zu fallen?“ 4. Neue Erfahrungen ermöglichen Im sicheren Rahmen der Therapie können Partner*innen neue Kommunikationsmuster ausprobieren: Bedürfnisse klar benennen, Gefühle ausdrücken, Reaktionen des anderen neu erleben. Selbstreflexionsimpulse – auch ohne Therapie Erkenne deine Muster: Was passiert mit dir, wenn dein/e Partner/in auf Distanz geht? Wann fühlst du dich unsicher und suchst mehr Nähe? Übe Perspektivwechsel: Was könnte im Inneren des anderen los sein, wenn er sich zurückzieht oder klammert? Welche guten Gründe könnte es geben? Sprich über Bedürfnisse statt Vorwürfe: Statt: „Du lässt mich immer allein!“ Anders: „Ich merke, dass ich mich unsicher fühle, wenn du dich zurückziehst. Dann wünsche ich mir mehr Rückmeldung.“ Achte auf Selbstfürsorge: Bindungsmuster verändern sich, wenn wir lernen, unsere eigenen Gefühle ernst zu nehmen und uns selbst Sicherheit zu geben. Fazit Bindungsstile sind kein Schicksal, sondern dynamische Muster , die sich in Beziehungen zeigen und auch verändern können. Systemisch betrachtet sind sie Verständigungsangebote: Sie erzählen Geschichten über frühere Erfahrungen und aktuelle Bedürfnisse. Wer sich mit seinen Bindungsmustern auseinandersetzt und beginnt, sie bewusst zu reflektieren, kann möglicherweise die Idee entwickeln, Nähe nicht nur als Risiko, sondern auch als Ressource zu erleben. Herzlichst, Luisa

  • Koalitionen und Allianzen in Familien

    Ein Blick durch die Brille der strukturellen Familientherapie Familien sind komplexe Systeme. Sie bestehen aus einzelnen Mitgliedern, die miteinander in Beziehung stehen und deren Handlungen und Gefühle sich wechselseitig beeinflussen. Um diese Dynamiken besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf das Konzept der Koalitionen und Allianzen  zu werfen – Begriffe, die in der strukturellen Familientherapie  nach Salvador Minuchin eine zentrale Rolle spielen. Was versteht man unter einer Koalition? Eine Koalition  beschreibt die enge Verbindung zweier Familienmitglieder, die sich gegen ein drittes Mitglied  richtet. Diese Frontenbildung kann bewusst oder unbewusst entstehen. Beispiel: Mutter und Tochter bilden ein festes Team und stellen sich gegen den Vater. Der Vater fühlt sich ausgeschlossen, während die Tochter in einen Loyalitätskonflikt gerät. Kurzfristig kann eine Koalition Halt und Nähe geben. Langfristig stört sie jedoch häufig das Gleichgewicht im Familiensystem : Ausgrenzung der Gegenpartei Polarisierung („wir gegen dich“) Loyalitätskonflikte bei Kindern Machtungleichgewichte Entstehung oder Verstärkung von Symptomen (z. B. Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Beschwerden, chronische Konflikte) Was ist eine Allianz? Im Gegensatz zur Koalition bezeichnet eine Allianz  eine enge Verbindung zwischen Familienmitgliedern, die nicht gegen andere gerichtet ist . Allianzen sind flexibel  und durchlässig . Sie stärken die Kooperation  und ermöglichen, dass sich die Beziehungen je nach Situation verändern können. Sie tragen zu einem gesunden Gleichgewicht innerhalb des Systems bei. Eine Allianz kann z. B. darin bestehen, dass Mutter und Tochter eine enge Bindung haben, der Vater aber nicht ausgeschlossen wird, sondern auf andere Weise in die Familie eingebunden ist. Salvador Minuchins strukturelle Familientherapie Salvador Minuchin, Begründer der strukturellen Familientherapie, beschäftigte sich intensiv mit den unsichtbaren Strukturen  innerhalb von Familien. Er beschrieb, wie Subsysteme  (Eltern, Kinder, Geschwister) durch Grenzen  miteinander verbunden sind. Dabei definiert er die Subsysteme wie folgt: Individualebene Paarebene Elternebene Kind(er)ebene Die Grenzen zwischen den einzelnen Mitgliedern oder Subsystemen können so beschrieben werden: Klare Grenzen : ermöglichen Nähe und gleichzeitig Autonomie. Diffuse Grenzen : führen zu Verstrickungen (z. B. Eltern-Kind-Koalition, in der das Kind in die Rolle eines Partners rutscht). Starre Grenzen : erzeugen Isolation und fehlende Unterstützung. Koalitionen sind aus dieser Perspektive Zeichen für diffuse oder starre Grenzen . Minuchin zeigte, dass sich Symptome von Kindern oder Paarkonflikte  oft nicht allein in den Personen, sondern in den Beziehungsstrukturen  erklären lassen. Seine Interventionen zielten darauf ab, die Familienstruktur neu zu organisieren : Eltern als Team stärken Rollen und Verantwortlichkeiten klären Koalitionen sichtbar machen und in tragfähige Allianzen  verwandeln Beispiel aus der Praxis – mit Auswirkungen auf alle Ebenen Eine Familie kommt in die Beratung: Mutter, Vater und Tochter (12). Koalition : Mutter und Tochter haben eine enge Bindung. Sie besprechen vieles miteinander und stehen in Konflikten auf einer Seite. Gegenkoalition : Der Vater fühlt sich ausgeschlossen und übernimmt meist die Rolle des „Strengen“ oder „Bösen“. Mögliche Auswirkungen auf die einzelnen Teile des Systems Tochter (Kinderebene) Gerät in einen Loyalitätskonflikt  zwischen beiden Elternteilen. Übernimmt unbewusst Verantwortung , die nicht ihrem Alter entspricht (Parentifizierung). Kann Symptome entwickeln: Rückzug, Schulprobleme, psychosomatische Beschwerden oder auffälliges Verhalten und wird damit zur Symptomträgerin. (Einen Blogpost dazu findest du hier ) Mutter (Elternebene / Paarebene) Findet kurzfristig emotionale Entlastung in der engen Bindung zur Tochter. Riskiert aber, die Paarbeziehung zu schwächen , weil Konflikte nicht mit dem Partner, sondern im Bündnis mit dem Kind ausgetragen werden. Gerät in Überforderung, weil sie gleichzeitig Partnerin, Mutter und Verbündete sein möchte. Vater (Elternebene / Paarebene) Fühlt sich ausgegrenzt und entwertet . Reagiert mit Rückzug oder erhöhter Strenge – was die Koalition Mutter–Tochter noch verstärkt. Verliert zunehmend die Möglichkeit, eine tragfähige Vater-Tochter-Beziehung  aufzubauen. Auswirkungen auf die Systemebenen Kinderebene : Kinder werden in Konflikte hineingezogen, die sie nicht tragen sollten. Loyalitätskonflikte können Einfluss auf ihre Entwicklung haben Elternebene : Eltern treten nicht mehr als Team auf, sondern agieren gegeneinander. Verlässlichkeit kann verloren gehen. Paarebene : Die Partnerschaft leidet, Konflikte werden nicht direkt zwischen den Erwachsenen, sondern über das Kind ausgetragen. Gesamtsystem Familie : Die Flexibilität nimmt ab. Kommunikation wird von Machtkämpfen geprägt, und das System verliert seine Fähigkeit zur Selbstregulation. Symptome einzelner Mitglieder sind Ausdruck des strukturellen Ungleichgewichts. Mögliche systemische Intervention In einer Familientherapie könnte der Fokus darauf liegen, die Grenzen zwischen den Subsystemen zu klären  und neu zu gestalten: Mutter und Vater auf Elternebene zu stärken, Konflikte direkt miteinander zu bearbeiten. Die Tochter wird aus der Verbündetenrolle entlastet und darf wieder Kind  sein. Flexible Allianzen  werden gefördert, die Nähe und Kooperation ermöglichen ohne dass jemand ausgeschlossen wird. Fazit Koalitionen sind in Familien nichts Ungewöhnliches – sie entstehen oft automatisch. Entscheidend ist jedoch, ob sie starr  und gegen jemanden  gerichtet sind. Bleiben sie dauerhaft bestehen, verlieren Familien ihre Flexibilität , Konflikte verhärten sich und Symptome können Ausdruck dieser Dysbalance werden. Allianzen dagegen wirken förderlich : Sie sind flexibel, stärken das System und ermöglichen Nähe ohne Ausgrenzung. Die strukturelle Familientherapie nach Minuchin macht diese Prozesse sichtbar und eröffnet Wege, wie Familien aus starren Mustern aussteigen und zu mehr Kooperation, Balance und Lebendigkeit  finden können. Reflexionsfrage zum Mitnehmen: Wie war das in deiner Herkunftsfamilie – gab es Koalitionen, die das Miteinander geprägt haben? Herzlichst, Luisa

  • Kinder als Symptomträger

    Wenn Kinder "auffällig" werden, lohnt sich ein Blick auf das ganze System. Oft kommen Eltern mit der Frage in die Beratung: „Was stimmt nicht mit dem Kind?“  . Dabei ist vermutlich eine Grundannahme, dass das "Problem", welches beim Kind gesehen werden, individuell betrachtet werden muss. Das Verhalten eines Kindes, sei es aggressiv, ängstlich, auffällig ruhig, überangepasst, oder weist es Suchttendenzen auf, wird häufig als individuelles Problem wahrgenommen und damit isoliert betrachtet. Doch in der systemischen Perspektive schauen wir anders: Wir betrachten das Kind als Teil eines größeren Systems – meist der Familie, meist auch des schulischen oder sozialen Umfelds. Was bedeutet es, ein Symptomträger zu sein? Kinder werden oft dann zu Symptomträgern, wenn sie Spannungen, unausgesprochene Konflikte oder Ungleichgewichte in ihrem System übernehmen und sichtbar machen. Sie reagieren auf Dynamiken, die nicht bewusst angesprochen oder gelöst werden können. Ihr Verhalten dient dabei nicht selten der Stabilisierung des Systems, auch wenn es für die Beteiligten schwierig oder belastend erscheint. Ein Beispiel aus der Praxis Ein zehnjähriger Junge zeigt plötzlich starkes aggressives Verhalten in der Schule. Die Eltern berichten, dass er zu Hause oft Wutanfälle bekommt und mit seinem jüngeren Geschwisterchen grob umgeht. Im Gespräch mit der Familie stellt sich heraus, dass die Eltern in einer angespannten Beziehungssituation stecken, die sie jedoch vor den Kindern zu verbergen versuchen. Der Junge nimmt diese Spannungen unbewusst wahr und "spiegelt" sie durch sein Verhalten. Sein Verhalten ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was braucht das System, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen? Wie hilft die systemische Sichtweise? Ressourcen statt Schuld:  Statt nach dem "Fehler" beim Kind zu suchen, betrachten wir, welche Stärken und Ressourcen in der Familie oder im Umfeld vorhanden sind. Zusammenhänge erkennen:  Die Frage lautet nicht: "Warum macht das Kind das?", sondern: "Für wen oder was macht es das?", sprich: "Was ist der gute Grund des Verhaltens?" Entlastung schaffen:  Oft entlastet es Eltern, wenn sie erkennen, dass das Verhalten des Kindes nicht "bösartig" oder "absichtlich schwierig" ist, sondern Teil einer größeren Dynamik. Die Rolle der Eltern Eltern können viel bewirken, wenn sie bereit sind, selbst hinzuschauen und Veränderungen anzustoßen. Eine zentrale Frage könnte sein: "Welche unausgesprochenen Themen oder Muster aus unserer eigenen Geschichte könnten unser Kind belasten?"  Hier setzt systemische Arbeit an, um einen Raum für Reflexion und Veränderung zu schaffen. Abschließende Gedanken Kinder als Symptomträger zu sehen, heißt nicht, ihnen die Verantwortung für familiäre oder systemische Probleme zuzuschreiben. Vielmehr geht es darum, ihre Signale ernst zu nehmen und zu verstehen, dass sie mit ihrem Verhalten oft den Wunsch ausdrücken, auf ungelöste Themen aufmerksam zu machen. Mit einer offenen Haltung und systemischen Impulsen können Eltern, Erziehende und Fachkräfte dazu beitragen, dass sich das System und damit auch das Kind wieder in Balance bringen können.

  • Familie, Gesellschaft, Beziehungen: Woher kommt unser Selbstwert?

    Unser Selbstwert ist kein feststehendes Konstrukt, sondern entsteht in einem dynamischen Prozess innerhalb unserer Beziehungen und Systeme im Laufe des Lebens. Die systemische Therapie betrachtet den Selbstwert nicht isoliert, sondern als ein Produkt sozialer Interaktionen, familiärer Prägungen und gesellschaftlicher Einflüsse. Doch wie genau entsteht unser Selbstwert aus systemischer Sicht? Selbstwert als relationales Konzept In der systemischen Perspektive ist der Selbstwert nicht etwas, das wir einfach "haben" oder "nicht haben", sondern etwas, das in Beziehungen entwickelt und aufrechterhalten wird. Unsere ersten Bindungserfahrungen in der Familie legen die Grundlage dafür, wie wir uns selbst wahrnehmen und bewerten. Spiegelung und Anerkennung : Kinder entwickeln ein Bild von sich selbst durch die Rückmeldungen, die sie von ihren primären Bezugspersonen erhalten. Werden sie mit Wertschätzung, Liebe und Anerkennung behandelt, entsteht ein positives Selbstbild. Loyalitäten und Muster : In vielen Familien gibt es unausgesprochene Regeln darüber, was wertvoll ist. Manchmal entwickeln Kinder ihren Selbstwert über Leistung oder Anpassung, um sich die Zugehörigkeit zu sichern. (Siehe Blogpost: Unsichtbare Loyalitäten) Transgenerationaler Einfluss : Die Selbstwertthemen werden oft über Generationen hinweg weitergegeben (=transgenerational). Wenn Eltern selbst ein fragiles Selbstwertgefühl haben, können sie dies unbewusst und unbeabsichtigt an ihre Kinder weitergeben. Selbstwert im Kontext sozialer Systeme Systemisch betrachtet, entsteht Selbstwert nicht nur in der Herkunftsfamilie, sondern auch durch weitere z.B. soziale Systeme wie Schule, Freundschaften und berufliche Netzwerke. Vergleich und Zugehörigkeit : Menschen messen ihren Selbstwert oft an äußeren Maßstäben. Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle, indem es Normen vorgibt, die beeinflussen, wie wir unseren eigenen Wert bewerten. Narrative und Glaubenssätze : Die Geschichten, die in einem System über eine Person erzählt werden, können den Selbstwert stärken oder schwächen. Beispielsweise kann ein Kind, das ständig als "schwierig" bezeichnet wird, dies verinnerlichen und sich selbst als problematisch erleben. Gesellschaftliche Faktoren : Selbstwert wird auch durch gesellschaftliche Diskurse geprägt. Ideale und Erwartungen in Bezug auf Erfolg, Attraktivität oder Rollenbilder beeinflussen, wie Menschen ihren eigenen Wert einschätzen (z.B. Schönheitsideale des Zeitalters). Wie beeinflussen systemische Dynamiken den Selbstwert? Bindungsmuster : Eine sichere Bindung stärkt den Selbstwert, während unsichere oder ambivalente Bindungen oft zu Selbstzweifeln führen. Übernommene Rollen : Kinder, die früh Verantwortung übernehmen müssen, entwickeln oft ein Selbstbild, das stark von Leistung abhängt. Schuld und Loyalität : Manchmal ist ein niedriger Selbstwert eine unbewusste Form der Loyalität gegenüber der Familie, um sich nicht "über" andere zu stellen. Selbstwert stärken – Ein systemischer Ansatz Reflexion der eigenen Muster : Welche Botschaften über den eigenen Wert wurden übernommen, und welche davon dürfen losgelassen werden? Neue Narrative entwickeln : Eine bewusste Neugestaltung der eigenen Selbstwertgeschichte kann helfen, destruktive Muster zu durchbrechen. Ressourcen im System nutzen : Beziehungen, die Wertschätzung vermitteln, können helfen, ein positives Selbstbild aufzubauen. Abschließende Gedanken Der Selbstwert ist kein statisches Konstrukt, sondern ein sich wandelndes Produkt systemischer Wechselwirkungen. Eine systemische Perspektive auf den Selbstwert eröffnet die Möglichkeit, alte Muster zu erkennen und neue, wertschätzende Selbstbilder zu entwickeln.

  • Verborgene Verpflichtungen: Die Macht unsichtbarer Loyalitäten erkennen

    Unsichtbare Loyalitäten sind ein faszinierendes Konzept aus der systemischen Therapie. (Buch: Unsichtbare Bindungen, Ivan Boszormenyi-Nagys und Geraldine Spark, 1981) Sie beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln oft unbewusst – und genau darin liegt ihre Kraft. In diesem Blogpost werfen wir einen Blick darauf, was unsichtbare Loyalitäten sind, wie sie sich zeigen und warum sie so bedeutsam für Beziehungen und Veränderungsprozesse sind. Was sind unsichtbare Loyalitäten? Der Begriff stammt aus der systemischen Familientherapie und beschreibt innere Bindungen und Verpflichtungen, die Menschen innerhalb ihres Familiensystems spüren. Diese Loyalitäten sind oft unausgesprochen und „unsichtbar“, können jedoch unser Verhalten und unsere Entscheidungen stark beeinflussen. Sie entstehen durch die Zugehörigkeit zu einer Familie, die Werte, Regeln, Erwartungen und unausgesprochenen Vereinbarungen mit sich bringt. Beispiel: Ein Kind, das in einem Familiensystem aufwächst, in dem Leistung hoch geschätzt wird, könnte das unbewusste Gefühl entwickeln, es sei nur durch ständige Übererfüllung von Erwartungen liebenswert. Wie zeigen sich unsichtbare Loyalitäten in Beziehungen? Unsichtbare Loyalitäten können sich auf unterschiedliche Weise in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ausdrücken: Partnerschaft : Ein Partner/eine Partnerin könnte das Gefühl haben, nicht „so viel Glück“ empfinden zu dürfen, weil es in der Ursprungsfamilie viel Leid gab. Dadurch entstehen oft unbewusste Sabotagemuster. Eltern-Kind-Beziehung : Ein erwachsenes Kind fühlt sich vielleicht verpflichtet, die unerfüllten Träume der Eltern zu verwirklichen, auch wenn es den eigenen Wünschen widerspricht. Freundschaften : Manchmal äußert sich eine unsichtbare Loyalität in der Angst, alte Freunde zu „verraten“, wenn man sich persönlich weiterentwickelt. Was ist der systemische Blick darauf? In der systemischen Therapie wird davon ausgegangen, dass wir alle Teil von größeren Systemen sind – vor allem von Familien. Diese Systeme streben nach einem Gleichgewicht. Unsichtbare Loyalitäten sind eine Form dieses Ausgleichs, auch wenn sie für das Individuum manchmal belastend oder einengend wirken können. Dabei ergeben sich sowohl ein Gewinn, als auch ein Preis des Verhaltens. Therapeutisch gesehen geht es darum, diese Dynamiken sichtbar zu machen und zu verstehen: Welche unausgesprochenen Verpflichtungen existieren? Welche „Verträge“ haben wir unbewusst geschlossen? Wo entsteht durch diese Loyalitäten ein innerer Konflikt? Welche unausgesprochenen Erwartungen gibt es? Wie können sie Veränderungen im Weg stehen? Unsichtbare Loyalitäten können dazu führen, dass Menschen trotz intensiver Veränderungswünsche in alten Mustern verharren. Beispiele: Selbstsabotage : Ein Mensch scheut unbewusst Erfolge, weil diese als Verrat an der Familie empfunden werden könnten. Beziehungsmuster : Konflikte oder Beziehungsabbrüche wiederholen sich, weil eine Person unbewusst versucht, alte Familiendynamiken zu aufrecht zu erhalten. Berufliche Blockaden : Ein inneres Gefühl, den eigenen Platz nicht „verlassen“ zu dürfen, hindert daran, mutige Schritte zu gehen. Druck : Schuldgefühle können entstehen, weil die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt werden, auch wenn diese nicht den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Einladung zu einer neuen Perspektive Der erste Schritt, um aus diesen Dynamiken auszubrechen, ist das Bewusstmachen. Die Arbeit mit unsichtbaren Loyalitäten eröffnet die Möglichkeit, sich zu fragen: Wessen Erwartungen folge ich? Welche Überzeugungen trage ich mit mir, die vielleicht gar nicht meine eigenen sind? Wie kann ich meinen Platz im Familiensystem neu definieren, ohne die Zugehörigkeit zu verlieren? Eine neue Perspektive bedeutet nicht, die Loyalität zur Familie aufzugeben, sondern sie bewusst zu gestalten. Indem wir die unsichtbaren Muster erkennen und damit sichtbar machen, können wir neue Entscheidungen treffen, die sowohl uns selbst als auch dem System gut tun. Fazit:  Unsichtbare Loyalitäten sind ein kraftvolles Konzept, das hilft, innere Konflikte und wiederkehrende Muster zu verstehen. Sie laden uns ein, liebevoll auf unsere Ursprünge zu blicken und gleichzeitig mutig neue Wege zu gehen und uns damit zu befreien.

  • Jedes System – ein Mobile: Die systemische Perspektive auf Veränderungsprozesse

    Stell dir ein Mobile vor: Ein kunstvoll arrangiertes Gebilde aus miteinander verbundenen Elementen, das sich sanft in der Luft bewegt. Sobald du eines der Elemente berührst, verändert sich das gesamte Gleichgewicht – das Mobile beginnt sich neu auszurichten, jede Bewegung eines Elementes bringt auch die anderen in Schwingung. Genau so funktionieren zwischenmenschliche Systeme wie Familien, Teams, Partnerschaften, Freundschaften (etc.). Jede Bewegung, jede Veränderung eines/einer Einzelnen hat Auswirkungen auf das gesamte System. Diese Vorstellung ist eine der zentralen Metaphern in der systemischen Therapie und Beratung. Systeme sind in Bewegung Systeme – seien es Familien, Arbeitsgruppen oder Freundeskreise – befinden sich nie in einem starren Zustand. Sie sind dynamisch und passen sich kontinuierlich an innere und äußere Veränderungen an. Das bedeutet, dass eine Veränderung bei einem Mitglied das gesamte System beeinflusst und eine Reaktion auslöst. So kann zum Beispiel ein Kind, das "auffälliges" Verhalten zeigt, ein Hinweis auf Spannungen oder Veränderungen im Familiensystem sein. Wechselwirkungen statt Einzelbetrachtung Die systemische Perspektive unterscheidet sich von anderen Ansätzen dadurch, dass sie den Fokus nicht nur auf einzelne Personen legt, sondern auf die Wechselwirkungen im gesamten System. Ähnlich wie bei einem Mobile ist es selten sinnvoll, nur ein Element isoliert zu betrachten. Statt nach einem „Schuldigen“ oder einer isolierten Ursache zu suchen, fragt die systemische Therapie: Wie beeinflussen sich die Mitglieder gegenseitig? Welche Muster und Dynamiken sind erkennbar? Stabilität und Veränderung – ein sensibles Gleichgewicht Jedes System strebt nach Stabilität – das Mobile bleibt im Gleichgewicht, solange keine äußere Kraft es in Bewegung setzt. Diese Stabilität kann hilfreich sein, wenn sie Sicherheit und Verlässlichkeit bietet. Doch manchmal bleibt ein System auch in ungesunden Mustern gefangen, weil Veränderungen als bedrohlich empfunden werden. Hier kann es helfen, bewusste Impulse zu setzen: Kleine Veränderungen in einem System können große Auswirkungen haben. Wenn eine Person beginnt, neue Wege zu gehen, reagiert das gesamte System darauf – und eröffnet damit Möglichkeiten für Entwicklung. Was bedeutet das für Veränderungsprozesse? Jede Veränderung hat Auswirkungen:  Wenn du dich veränderst, reagiert dein Umfeld darauf. Das kann herausfordernd sein, weil andere Menschen auf deine neue Haltung oder dein Verhalten reagieren müssen. Neue Perspektiven schaffen Bewegung:  Indem du bestehende Muster hinterfragst, kannst du unbewusste Dynamiken sichtbar machen und Veränderung ermöglichen. Kleine Schritte sind kraftvoll:  Oft reicht eine kleine Veränderung, um ein neues Gleichgewicht zu schaffen – sei es ein verändertes Kommunikationsmuster oder eine neue Herangehensweise an Konflikte. Verhalten hat gute Gründe: Jedes ergibt aus der individuellen Geschichte und dem Kontext heraus Sinn. Menschen handeln nicht grundlos. (Das bedeutet nicht, dass das Verhalten "gut" (Bewertung gut) ist. Fazit: Alles hängt zusammen Die Metapher des Mobiles erinnert uns daran, dass nichts im zwischenmenschlichen Zusammenleben isoliert betrachtet werden kann. Veränderung ist immer möglich – manchmal beginnt sie mit einer kleinen Bewegung, die das gesamte System in eine neue Balance bringt. Welche Veränderung möchtest du in deinem „Mobile“ anstoßen?

  • Musterwiederholungen aus systemischer Sicht

    Warum wir uns in vertraute Geschichten verstricken und was das mit unserem Nervensystem zu tun hat Jede*r von uns kennt das: Wir geraten immer wieder in ähnliche Situationen. Ob im Job, in Partnerschaften oder Freundschaften - es scheint, als würde sich manches im Leben in Endlosschleife wiederholen. Wir wählen den gleichen Typ Mensch, erleben ähnliche Konflikte oder finden uns in Rollen wieder, die uns eigentlich nicht guttun. Häufig bemerken wir da erst rückblickend in einem Reflektionsprozess. Doch warum ist das so? Und wieso fühlt sich das trotz Leidensdruck oft so "sicher" an? In meiner Arbeit als systemische Therapeutin erlebe ich täglich, wie stark unbewusste Muster und die Suche nach innerer Sicherheit unser Erleben und Verhalten beeinflussen. Heute möchte ich dich einladen, einen systemischen Blick darauf zu werfen und zu verstehen, welche Rolle dein Nervensystem bei den Musterwiederholungen spielt. Dynamiken in Systemen können z.B. mit dem Familienbrett visualisiert werden. Was sind Musterwiederholungen aus systemischer Sicht? Systemisch betrachtet bewegen wir uns nicht isoliert durchs Leben, sondern immer in Beziehung zu anderen Menschen und zu unseren Herkunftssystemen. Bereits in unserer Kindheit machen wir bestimmte Erfahrungen und erleben Herausforderungen, woraus sich Bewältigungsstrategien entwickeln können, um Bindung und Zugehörigkeit zu sichern (=psychologische Grundbedürfnisse nach Grawe). Diese Strategien schreiben sich tief in unsere inneren Landkarten (neuronale Verbindungen im Gehirn) ein und beeinflussen, wie wir später Beziehungen gestalten und Situationen bewerten. Sie formen damit unser Erleben und Verhalten und damit auch die Wirklichkeitskonstruktionen einer jeden Person. Wenn du z.B. in deiner Herkunftsfamilie gelernt hast, dass deine Bedürfnisse wenig Raum hatten und du für Harmonie sorgen musstest (Bewältigungsstrategie), wird es dir später möglicherweise schwerfallen, gesunde Grenzen zu setzen. Stattdessen wirst du dich womöglich immer wieder in überfordernden oder einseitigen Beziehungen wiederfinden. Diese Musterwiederholungen sind nicht bewusst gewählt, sondern unterliegen unbewussten Loyalitäten und Sicherungsstrategien, die einst sinnvoll waren – und heute überholt sind. Warum halten wir an alten Mustern fest, selbst wenn sie uns schaden? Unser Nervensystem richtet den Fokus auf Sicherheit, nicht auf "Glück". Das klingt paradox, ist aber ein überlebensbiologischer Mechanismus: Unser autonomes Nervensystem ist darauf ausgelegt, möglichst Vorhersehbares zu erleben, denn Unbekanntes könnte potenziell bedrohlich sein. Selbst schmerzhafte oder destruktive Muster geben dem System eine gewisse Stabilität und "Sicherheit", weil sie vertraut sind. Das erklärt auch, warum wir uns oft zu Menschen oder Situationen hingezogen fühlen, die alten Erlebnissen ähneln - nicht weil sie gut für uns sind, sondern weil unser Körper und vor allem unser Nervensystem sie kennt. Durch häufiger Wiederholungen (=Prägungen) fühlen sich die Erlebnisse sicher an. Das nennt man in der Traumatherapie auch „trauma bonding“. Sie führt dazu, dass sich für uns dysfunktionale Dynamiken wiederholen, wenn wir die dahinterliegenden Muster nicht bewusst wahrnehmen und unterbrechen. Welche Rolle spielt das Nervensystem dabei? Unser Nervensystem reguliert permanent, ob wir uns sicher, angespannt oder bedroht fühlen. Im autonomen Nervensystem gibt es drei zentrale Zustände: Ventral-vagaler Zustand: Wir fühlen uns verbunden, sicher und ausgeglichen. Sympathischer Zustand: Kampf- oder Fluchtmodus, wir sind aktiviert und unter Stress. Dorsal-vagaler Zustand: Rückzug, Erstarrung, Erschöpfung. Alte Beziehungserfahrungen und emotionale Prägungen beeinflussen, wie schnell wir in welchen Zustand wechseln - und wie lange wir darin verharren. Musterwiederholungen sorgen oft dafür, dass wir uns in bestimmten Systemzuständen „zu Hause“ fühlen. Ein Beispiel: Wer in der Kindheit gelernt hat, dass Nähe gefährlich ist, bleibt als Erwachsener lieber im sympathischen Alarmzustand oder im Rückzug, sobald jemand zu nah kommt - und wiederholt damit die alte Erfahrung der Distanzierung. Wie können wir Muster erkennen und verändern? Der erste Schritt ist immer das Bewusstwerden. In meiner therapeutischen Arbeit nutze ich dazu: Genogramm-Arbeit: Um Verstrickungen und wiederkehrende Beziehungsmuster sichtbar zu machen. Arbeit mit dem Familienbrett: Um Dynamiken im Familiensystem zu erkennen. Systemische Fragen: Die helfen, blinde Flecken aufzudecken und neue Perspektiven einzunehmen. Embodiment-Methoden: Um zu spüren, wo und wie sich alte Muster im Körper zeigen. Arbeit mit dem Nervensystem: Ressourcenübungen, Regulationstechniken und sichere Beziehungsangebote, um neue Erfahrungen zu ermöglichen. Denn: Veränderung geschieht nicht allein im Kopf, sondern im Erleben. Wenn wir uns in sicheren Beziehungen und therapeutischen Settings anders erfahren dürfen, kann das Nervensystem lernen, dass Nähe, Selbstbehauptung oder Verletzlichkeit heute nicht mehr gefährlich sind. Warum Wiederholungen kein Scheitern sind Viele meiner Klient*innen empfinden es als Versagen, wenn sie feststellen, dass sie „schon wieder in der gleichen Situation gelandet sind“. Ich sehe das anders: Wiederholungen sind ein Signal, dass ein Teil von uns nach Lösung sucht - auf dem Weg zu mehr Handlungsfähigkeit. Systemisch betrachtet versucht das System, einen unvollendeten Prozess abzuschließen. Mit jeder Wiederholung wächst die Chance, es diesmal bewusst anders zu machen. Fazit: Vertrautes ist nicht immer heilsam Musterwiederholungen haben ihren Ursprung oft in frühen Erfahrungen, die einst überlebenswichtig waren. Heute behindern sie uns vielleicht, doch sie können sich verändern, wenn wir uns ihrer bewusstwerden und das Nervensystem Schritt für Schritt neue, sichere Erfahrungen machen lässt. Dafür braucht es manchmal Mut, vor allem Geduld mit sich selbst und bei Bedarf eine beraterische oder therapeutische Begleitung. Denn Veränderung beginnt oft genau da, wo wir uns erlauben, innezuhalten, hinzusehen – und zu spüren, was wir wirklich brauchen. Möchtest du mehr über systemische Muster und ihre Auflösung erfahren? Oder herausfinden, welche alten Prägungen dich noch leiten? Dann melde dich gern für ein Erstgespräch bei mir oder abonniere meinen Newsletter „Systemgeschlüster“. Herzlich, Luisa

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