Suchergebnisse
7 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche
- Kinder als Symptomträger
Wenn Kinder "auffällig" werden, lohnt sich ein Blick auf das ganze System. Oft kommen Eltern mit der Frage in die Beratung: „Was stimmt nicht mit dem Kind?“ . Dabei ist vermutlich eine Grundannahme, dass das "Problem", welches beim Kind gesehen werden, individuell betrachtet werden muss. Das Verhalten eines Kindes, sei es aggressiv, ängstlich, auffällig ruhig, überangepasst, oder weist es Suchttendenzen auf, wird häufig als individuelles Problem wahrgenommen und damit isoliert betrachtet. Doch in der systemischen Perspektive schauen wir anders: Wir betrachten das Kind als Teil eines größeren Systems – meist der Familie, meist auch des schulischen oder sozialen Umfelds. Was bedeutet es, ein Symptomträger zu sein? Kinder werden oft dann zu Symptomträgern, wenn sie Spannungen, unausgesprochene Konflikte oder Ungleichgewichte in ihrem System übernehmen und sichtbar machen. Sie reagieren auf Dynamiken, die nicht bewusst angesprochen oder gelöst werden können. Ihr Verhalten dient dabei nicht selten der Stabilisierung des Systems, auch wenn es für die Beteiligten schwierig oder belastend erscheint. Ein Beispiel aus der Praxis Ein zehnjähriger Junge zeigt plötzlich starkes aggressives Verhalten in der Schule. Die Eltern berichten, dass er zu Hause oft Wutanfälle bekommt und mit seinem jüngeren Geschwisterchen grob umgeht. Im Gespräch mit der Familie stellt sich heraus, dass die Eltern in einer angespannten Beziehungssituation stecken, die sie jedoch vor den Kindern zu verbergen versuchen. Der Junge nimmt diese Spannungen unbewusst wahr und "spiegelt" sie durch sein Verhalten. Sein Verhalten ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was braucht das System, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen? Wie hilft die systemische Sichtweise? Ressourcen statt Schuld: Statt nach dem "Fehler" beim Kind zu suchen, betrachten wir, welche Stärken und Ressourcen in der Familie oder im Umfeld vorhanden sind. Zusammenhänge erkennen: Die Frage lautet nicht: "Warum macht das Kind das?", sondern: "Für wen oder was macht es das?", sprich: "Was ist der gute Grund des Verhaltens?" Entlastung schaffen: Oft entlastet es Eltern, wenn sie erkennen, dass das Verhalten des Kindes nicht "bösartig" oder "absichtlich schwierig" ist, sondern Teil einer größeren Dynamik. Die Rolle der Eltern Eltern können viel bewirken, wenn sie bereit sind, selbst hinzuschauen und Veränderungen anzustoßen. Eine zentrale Frage könnte sein: "Welche unausgesprochenen Themen oder Muster aus unserer eigenen Geschichte könnten unser Kind belasten?" Hier setzt systemische Arbeit an, um einen Raum für Reflexion und Veränderung zu schaffen. Abschließende Gedanken Kinder als Symptomträger zu sehen, heißt nicht, ihnen die Verantwortung für familiäre oder systemische Probleme zuzuschreiben. Vielmehr geht es darum, ihre Signale ernst zu nehmen und zu verstehen, dass sie mit ihrem Verhalten oft den Wunsch ausdrücken, auf ungelöste Themen aufmerksam zu machen. Mit einer offenen Haltung und systemischen Impulsen können Eltern, Erziehende und Fachkräfte dazu beitragen, dass sich das System und damit auch das Kind wieder in Balance bringen können.
- Familie, Gesellschaft, Beziehungen: Woher kommt unser Selbstwert?
Unser Selbstwert ist kein feststehendes Konstrukt, sondern entsteht in einem dynamischen Prozess innerhalb unserer Beziehungen und Systeme im Laufe des Lebens. Die systemische Therapie betrachtet den Selbstwert nicht isoliert, sondern als ein Produkt sozialer Interaktionen, familiärer Prägungen und gesellschaftlicher Einflüsse. Doch wie genau entsteht unser Selbstwert aus systemischer Sicht? Selbstwert als relationales Konzept In der systemischen Perspektive ist der Selbstwert nicht etwas, das wir einfach "haben" oder "nicht haben", sondern etwas, das in Beziehungen entwickelt und aufrechterhalten wird. Unsere ersten Bindungserfahrungen in der Familie legen die Grundlage dafür, wie wir uns selbst wahrnehmen und bewerten. Spiegelung und Anerkennung : Kinder entwickeln ein Bild von sich selbst durch die Rückmeldungen, die sie von ihren primären Bezugspersonen erhalten. Werden sie mit Wertschätzung, Liebe und Anerkennung behandelt, entsteht ein positives Selbstbild. Loyalitäten und Muster : In vielen Familien gibt es unausgesprochene Regeln darüber, was wertvoll ist. Manchmal entwickeln Kinder ihren Selbstwert über Leistung oder Anpassung, um sich die Zugehörigkeit zu sichern. (Siehe Blogpost: Unsichtbare Loyalitäten) Transgenerationaler Einfluss : Die Selbstwertthemen werden oft über Generationen hinweg weitergegeben (=transgenerational). Wenn Eltern selbst ein fragiles Selbstwertgefühl haben, können sie dies unbewusst und unbeabsichtigt an ihre Kinder weitergeben. Selbstwert im Kontext sozialer Systeme Systemisch betrachtet, entsteht Selbstwert nicht nur in der Herkunftsfamilie, sondern auch durch weitere z.B. soziale Systeme wie Schule, Freundschaften und berufliche Netzwerke. Vergleich und Zugehörigkeit : Menschen messen ihren Selbstwert oft an äußeren Maßstäben. Das soziale Umfeld spielt eine große Rolle, indem es Normen vorgibt, die beeinflussen, wie wir unseren eigenen Wert bewerten. Narrative und Glaubenssätze : Die Geschichten, die in einem System über eine Person erzählt werden, können den Selbstwert stärken oder schwächen. Beispielsweise kann ein Kind, das ständig als "schwierig" bezeichnet wird, dies verinnerlichen und sich selbst als problematisch erleben. Gesellschaftliche Faktoren : Selbstwert wird auch durch gesellschaftliche Diskurse geprägt. Ideale und Erwartungen in Bezug auf Erfolg, Attraktivität oder Rollenbilder beeinflussen, wie Menschen ihren eigenen Wert einschätzen (z.B. Schönheitsideale des Zeitalters). Wie beeinflussen systemische Dynamiken den Selbstwert? Bindungsmuster : Eine sichere Bindung stärkt den Selbstwert, während unsichere oder ambivalente Bindungen oft zu Selbstzweifeln führen. Übernommene Rollen : Kinder, die früh Verantwortung übernehmen müssen, entwickeln oft ein Selbstbild, das stark von Leistung abhängt. Schuld und Loyalität : Manchmal ist ein niedriger Selbstwert eine unbewusste Form der Loyalität gegenüber der Familie, um sich nicht "über" andere zu stellen. Selbstwert stärken – Ein systemischer Ansatz Reflexion der eigenen Muster : Welche Botschaften über den eigenen Wert wurden übernommen, und welche davon dürfen losgelassen werden? Neue Narrative entwickeln : Eine bewusste Neugestaltung der eigenen Selbstwertgeschichte kann helfen, destruktive Muster zu durchbrechen. Ressourcen im System nutzen : Beziehungen, die Wertschätzung vermitteln, können helfen, ein positives Selbstbild aufzubauen. Abschließende Gedanken Der Selbstwert ist kein statisches Konstrukt, sondern ein sich wandelndes Produkt systemischer Wechselwirkungen. Eine systemische Perspektive auf den Selbstwert eröffnet die Möglichkeit, alte Muster zu erkennen und neue, wertschätzende Selbstbilder zu entwickeln.
- Verborgene Verpflichtungen: Die Macht unsichtbarer Loyalitäten erkennen
Unsichtbare Loyalitäten sind ein faszinierendes Konzept aus der systemischen Therapie. (Buch: Unsichtbare Bindungen, Ivan Boszormenyi-Nagys und Geraldine Spark, 1981) Sie beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln oft unbewusst – und genau darin liegt ihre Kraft. In diesem Blogpost werfen wir einen Blick darauf, was unsichtbare Loyalitäten sind, wie sie sich zeigen und warum sie so bedeutsam für Beziehungen und Veränderungsprozesse sind. Was sind unsichtbare Loyalitäten? Der Begriff stammt aus der systemischen Familientherapie und beschreibt innere Bindungen und Verpflichtungen, die Menschen innerhalb ihres Familiensystems spüren. Diese Loyalitäten sind oft unausgesprochen und „unsichtbar“, können jedoch unser Verhalten und unsere Entscheidungen stark beeinflussen. Sie entstehen durch die Zugehörigkeit zu einer Familie, die Werte, Regeln, Erwartungen und unausgesprochenen Vereinbarungen mit sich bringt. Beispiel: Ein Kind, das in einem Familiensystem aufwächst, in dem Leistung hoch geschätzt wird, könnte das unbewusste Gefühl entwickeln, es sei nur durch ständige Übererfüllung von Erwartungen liebenswert. Wie zeigen sich unsichtbare Loyalitäten in Beziehungen? Unsichtbare Loyalitäten können sich auf unterschiedliche Weise in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ausdrücken: Partnerschaft : Ein Partner/eine Partnerin könnte das Gefühl haben, nicht „so viel Glück“ empfinden zu dürfen, weil es in der Ursprungsfamilie viel Leid gab. Dadurch entstehen oft unbewusste Sabotagemuster. Eltern-Kind-Beziehung : Ein erwachsenes Kind fühlt sich vielleicht verpflichtet, die unerfüllten Träume der Eltern zu verwirklichen, auch wenn es den eigenen Wünschen widerspricht. Freundschaften : Manchmal äußert sich eine unsichtbare Loyalität in der Angst, alte Freunde zu „verraten“, wenn man sich persönlich weiterentwickelt. Was ist der systemische Blick darauf? In der systemischen Therapie wird davon ausgegangen, dass wir alle Teil von größeren Systemen sind – vor allem von Familien. Diese Systeme streben nach einem Gleichgewicht. Unsichtbare Loyalitäten sind eine Form dieses Ausgleichs, auch wenn sie für das Individuum manchmal belastend oder einengend wirken können. Dabei ergeben sich sowohl ein Gewinn, als auch ein Preis des Verhaltens. Therapeutisch gesehen geht es darum, diese Dynamiken sichtbar zu machen und zu verstehen: Welche unausgesprochenen Verpflichtungen existieren? Welche „Verträge“ haben wir unbewusst geschlossen? Wo entsteht durch diese Loyalitäten ein innerer Konflikt? Welche unausgesprochenen Erwartungen gibt es? Wie können sie Veränderungen im Weg stehen? Unsichtbare Loyalitäten können dazu führen, dass Menschen trotz intensiver Veränderungswünsche in alten Mustern verharren. Beispiele: Selbstsabotage : Ein Mensch scheut unbewusst Erfolge, weil diese als Verrat an der Familie empfunden werden könnten. Beziehungsmuster : Konflikte oder Beziehungsabbrüche wiederholen sich, weil eine Person unbewusst versucht, alte Familiendynamiken zu aufrecht zu erhalten. Berufliche Blockaden : Ein inneres Gefühl, den eigenen Platz nicht „verlassen“ zu dürfen, hindert daran, mutige Schritte zu gehen. Druck : Schuldgefühle können entstehen, weil die Erwartungen der Eltern nicht erfüllt werden, auch wenn diese nicht den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen. Einladung zu einer neuen Perspektive Der erste Schritt, um aus diesen Dynamiken auszubrechen, ist das Bewusstmachen. Die Arbeit mit unsichtbaren Loyalitäten eröffnet die Möglichkeit, sich zu fragen: Wessen Erwartungen folge ich? Welche Überzeugungen trage ich mit mir, die vielleicht gar nicht meine eigenen sind? Wie kann ich meinen Platz im Familiensystem neu definieren, ohne die Zugehörigkeit zu verlieren? Eine neue Perspektive bedeutet nicht, die Loyalität zur Familie aufzugeben, sondern sie bewusst zu gestalten. Indem wir die unsichtbaren Muster erkennen und damit sichtbar machen, können wir neue Entscheidungen treffen, die sowohl uns selbst als auch dem System gut tun. Fazit: Unsichtbare Loyalitäten sind ein kraftvolles Konzept, das hilft, innere Konflikte und wiederkehrende Muster zu verstehen. Sie laden uns ein, liebevoll auf unsere Ursprünge zu blicken und gleichzeitig mutig neue Wege zu gehen und uns damit zu befreien.
- Jedes System – ein Mobile: Die systemische Perspektive auf Veränderungsprozesse
Stell dir ein Mobile vor: Ein kunstvoll arrangiertes Gebilde aus miteinander verbundenen Elementen, das sich sanft in der Luft bewegt. Sobald du eines der Elemente berührst, verändert sich das gesamte Gleichgewicht – das Mobile beginnt sich neu auszurichten, jede Bewegung eines Elementes bringt auch die anderen in Schwingung. Genau so funktionieren zwischenmenschliche Systeme wie Familien, Teams, Partnerschaften, Freundschaften (etc.). Jede Bewegung, jede Veränderung eines/einer Einzelnen hat Auswirkungen auf das gesamte System. Diese Vorstellung ist eine der zentralen Metaphern in der systemischen Therapie und Beratung. Systeme sind in Bewegung Systeme – seien es Familien, Arbeitsgruppen oder Freundeskreise – befinden sich nie in einem starren Zustand. Sie sind dynamisch und passen sich kontinuierlich an innere und äußere Veränderungen an. Das bedeutet, dass eine Veränderung bei einem Mitglied das gesamte System beeinflusst und eine Reaktion auslöst. So kann zum Beispiel ein Kind, das "auffälliges" Verhalten zeigt, ein Hinweis auf Spannungen oder Veränderungen im Familiensystem sein. Wechselwirkungen statt Einzelbetrachtung Die systemische Perspektive unterscheidet sich von anderen Ansätzen dadurch, dass sie den Fokus nicht nur auf einzelne Personen legt, sondern auf die Wechselwirkungen im gesamten System. Ähnlich wie bei einem Mobile ist es selten sinnvoll, nur ein Element isoliert zu betrachten. Statt nach einem „Schuldigen“ oder einer isolierten Ursache zu suchen, fragt die systemische Therapie: Wie beeinflussen sich die Mitglieder gegenseitig? Welche Muster und Dynamiken sind erkennbar? Stabilität und Veränderung – ein sensibles Gleichgewicht Jedes System strebt nach Stabilität – das Mobile bleibt im Gleichgewicht, solange keine äußere Kraft es in Bewegung setzt. Diese Stabilität kann hilfreich sein, wenn sie Sicherheit und Verlässlichkeit bietet. Doch manchmal bleibt ein System auch in ungesunden Mustern gefangen, weil Veränderungen als bedrohlich empfunden werden. Hier kann es helfen, bewusste Impulse zu setzen: Kleine Veränderungen in einem System können große Auswirkungen haben. Wenn eine Person beginnt, neue Wege zu gehen, reagiert das gesamte System darauf – und eröffnet damit Möglichkeiten für Entwicklung. Was bedeutet das für Veränderungsprozesse? Jede Veränderung hat Auswirkungen: Wenn du dich veränderst, reagiert dein Umfeld darauf. Das kann herausfordernd sein, weil andere Menschen auf deine neue Haltung oder dein Verhalten reagieren müssen. Neue Perspektiven schaffen Bewegung: Indem du bestehende Muster hinterfragst, kannst du unbewusste Dynamiken sichtbar machen und Veränderung ermöglichen. Kleine Schritte sind kraftvoll: Oft reicht eine kleine Veränderung, um ein neues Gleichgewicht zu schaffen – sei es ein verändertes Kommunikationsmuster oder eine neue Herangehensweise an Konflikte. Verhalten hat gute Gründe: Jedes ergibt aus der individuellen Geschichte und dem Kontext heraus Sinn. Menschen handeln nicht grundlos. (Das bedeutet nicht, dass das Verhalten "gut" (Bewertung gut) ist. Fazit: Alles hängt zusammen Die Metapher des Mobiles erinnert uns daran, dass nichts im zwischenmenschlichen Zusammenleben isoliert betrachtet werden kann. Veränderung ist immer möglich – manchmal beginnt sie mit einer kleinen Bewegung, die das gesamte System in eine neue Balance bringt. Welche Veränderung möchtest du in deinem „Mobile“ anstoßen?
- Musterwiederholungen aus systemischer Sicht
Warum wir uns in vertraute Geschichten verstricken und was das mit unserem Nervensystem zu tun hat Jede*r von uns kennt das: Wir geraten immer wieder in ähnliche Situationen. Ob im Job, in Partnerschaften oder Freundschaften - es scheint, als würde sich manches im Leben in Endlosschleife wiederholen. Wir wählen den gleichen Typ Mensch, erleben ähnliche Konflikte oder finden uns in Rollen wieder, die uns eigentlich nicht guttun. Häufig bemerken wir da erst rückblickend in einem Reflektionsprozess. Doch warum ist das so? Und wieso fühlt sich das trotz Leidensdruck oft so "sicher" an? In meiner Arbeit als systemische Therapeutin erlebe ich täglich, wie stark unbewusste Muster und die Suche nach innerer Sicherheit unser Erleben und Verhalten beeinflussen. Heute möchte ich dich einladen, einen systemischen Blick darauf zu werfen und zu verstehen, welche Rolle dein Nervensystem bei den Musterwiederholungen spielt. Dynamiken in Systemen können z.B. mit dem Familienbrett visualisiert werden. Was sind Musterwiederholungen aus systemischer Sicht? Systemisch betrachtet bewegen wir uns nicht isoliert durchs Leben, sondern immer in Beziehung zu anderen Menschen und zu unseren Herkunftssystemen. Bereits in unserer Kindheit machen wir bestimmte Erfahrungen und erleben Herausforderungen, woraus sich Bewältigungsstrategien entwickeln können, um Bindung und Zugehörigkeit zu sichern (=psychologische Grundbedürfnisse nach Grawe). Diese Strategien schreiben sich tief in unsere inneren Landkarten (neuronale Verbindungen im Gehirn) ein und beeinflussen, wie wir später Beziehungen gestalten und Situationen bewerten. Sie formen damit unser Erleben und Verhalten und damit auch die Wirklichkeitskonstruktionen einer jeden Person. Wenn du z.B. in deiner Herkunftsfamilie gelernt hast, dass deine Bedürfnisse wenig Raum hatten und du für Harmonie sorgen musstest (Bewältigungsstrategie), wird es dir später möglicherweise schwerfallen, gesunde Grenzen zu setzen. Stattdessen wirst du dich womöglich immer wieder in überfordernden oder einseitigen Beziehungen wiederfinden. Diese Musterwiederholungen sind nicht bewusst gewählt, sondern unterliegen unbewussten Loyalitäten und Sicherungsstrategien, die einst sinnvoll waren – und heute überholt sind. Warum halten wir an alten Mustern fest, selbst wenn sie uns schaden? Unser Nervensystem richtet den Fokus auf Sicherheit, nicht auf "Glück". Das klingt paradox, ist aber ein überlebensbiologischer Mechanismus: Unser autonomes Nervensystem ist darauf ausgelegt, möglichst Vorhersehbares zu erleben, denn Unbekanntes könnte potenziell bedrohlich sein. Selbst schmerzhafte oder destruktive Muster geben dem System eine gewisse Stabilität und "Sicherheit", weil sie vertraut sind. Das erklärt auch, warum wir uns oft zu Menschen oder Situationen hingezogen fühlen, die alten Erlebnissen ähneln - nicht weil sie gut für uns sind, sondern weil unser Körper und vor allem unser Nervensystem sie kennt. Durch häufiger Wiederholungen (=Prägungen) fühlen sich die Erlebnisse sicher an. Das nennt man in der Traumatherapie auch „trauma bonding“. Sie führt dazu, dass sich für uns dysfunktionale Dynamiken wiederholen, wenn wir die dahinterliegenden Muster nicht bewusst wahrnehmen und unterbrechen. Welche Rolle spielt das Nervensystem dabei? Unser Nervensystem reguliert permanent, ob wir uns sicher, angespannt oder bedroht fühlen. Im autonomen Nervensystem gibt es drei zentrale Zustände: Ventral-vagaler Zustand: Wir fühlen uns verbunden, sicher und ausgeglichen. Sympathischer Zustand: Kampf- oder Fluchtmodus, wir sind aktiviert und unter Stress. Dorsal-vagaler Zustand: Rückzug, Erstarrung, Erschöpfung. Alte Beziehungserfahrungen und emotionale Prägungen beeinflussen, wie schnell wir in welchen Zustand wechseln - und wie lange wir darin verharren. Musterwiederholungen sorgen oft dafür, dass wir uns in bestimmten Systemzuständen „zu Hause“ fühlen. Ein Beispiel: Wer in der Kindheit gelernt hat, dass Nähe gefährlich ist, bleibt als Erwachsener lieber im sympathischen Alarmzustand oder im Rückzug, sobald jemand zu nah kommt - und wiederholt damit die alte Erfahrung der Distanzierung. Wie können wir Muster erkennen und verändern? Der erste Schritt ist immer das Bewusstwerden. In meiner therapeutischen Arbeit nutze ich dazu: Genogramm-Arbeit: Um Verstrickungen und wiederkehrende Beziehungsmuster sichtbar zu machen. Arbeit mit dem Familienbrett: Um Dynamiken im Familiensystem zu erkennen. Systemische Fragen: Die helfen, blinde Flecken aufzudecken und neue Perspektiven einzunehmen. Embodiment-Methoden: Um zu spüren, wo und wie sich alte Muster im Körper zeigen. Arbeit mit dem Nervensystem: Ressourcenübungen, Regulationstechniken und sichere Beziehungsangebote, um neue Erfahrungen zu ermöglichen. Denn: Veränderung geschieht nicht allein im Kopf, sondern im Erleben. Wenn wir uns in sicheren Beziehungen und therapeutischen Settings anders erfahren dürfen, kann das Nervensystem lernen, dass Nähe, Selbstbehauptung oder Verletzlichkeit heute nicht mehr gefährlich sind. Warum Wiederholungen kein Scheitern sind Viele meiner Klient*innen empfinden es als Versagen, wenn sie feststellen, dass sie „schon wieder in der gleichen Situation gelandet sind“. Ich sehe das anders: Wiederholungen sind ein Signal, dass ein Teil von uns nach Lösung sucht - auf dem Weg zu mehr Handlungsfähigkeit. Systemisch betrachtet versucht das System, einen unvollendeten Prozess abzuschließen. Mit jeder Wiederholung wächst die Chance, es diesmal bewusst anders zu machen. Fazit: Vertrautes ist nicht immer heilsam Musterwiederholungen haben ihren Ursprung oft in frühen Erfahrungen, die einst überlebenswichtig waren. Heute behindern sie uns vielleicht, doch sie können sich verändern, wenn wir uns ihrer bewusstwerden und das Nervensystem Schritt für Schritt neue, sichere Erfahrungen machen lässt. Dafür braucht es manchmal Mut, vor allem Geduld mit sich selbst und bei Bedarf eine beraterische oder therapeutische Begleitung. Denn Veränderung beginnt oft genau da, wo wir uns erlauben, innezuhalten, hinzusehen – und zu spüren, was wir wirklich brauchen. Möchtest du mehr über systemische Muster und ihre Auflösung erfahren? Oder herausfinden, welche alten Prägungen dich noch leiten? Dann melde dich gern für ein Erstgespräch bei mir oder abonniere meinen Newsletter „Systemgeschlüster“. Herzlich, Luisa
- Von Drama zu Dialog: Wie du Konflikte in deiner Beziehung besser verstehst - Systemische Paarberatung und Paartherapie
Beziehungen sind lebendige, dynamische Systeme. Sie bestehen nicht nur aus zwei Menschen, sondern auch aus deren Geschichten, Prägungen des Lebens, Erfahrungen, Erwartungen, Wünschen und den Mustern, die sich im gemeinsamen Miteinander entwickeln. Konflikte sind dabei kein Zeichen von Scheitern, sondern ein Ausdruck davon, dass Bewegung im System ist. Diese Bewegungen können Raum für Neues schaffen. In der systemischen Sichtweise betrachten wir in der systemischen Paarberatung und Paartherapie nicht nur das sichtbare Verhalten, sondern auch die dahinterliegenden Dynamiken und die Funktion, die ein Verhalten innerhalb der Beziehung erfüllt. (das Verborgene oder Unausgesprochene) Dieser Blick eröffnet neue Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen und Veränderung anzustoßen. Was sind Beziehungssysteme? Ein Beziehungssystem besteht aus den Beteiligten und den wechselseitigen Einflüssen, die sie aufeinander haben. In Paarbeziehungen, Freundschaften oder familiären Beziehungen entsteht ein eigenes „Beziehungsfeld“ mit bestimmten Mustern und Regeln — oft unbewusst und über lange Zeit eingespielt. Beispiel: Wenn Person A sich zurückzieht, reagiert Person B vielleicht mit mehr Kontrolle oder Näheversuchen. Das führt bei Person A wiederum zu noch mehr Rückzug. Ein Kreislauf, der sich verselbstständigen kann und zur Verengung des Beziehungssystems führen kann. Konflikte als Ausdruck systemischer Dynamiken Konflikte sind aus systemischer Perspektive nicht das Problem an sich, sondern ein Symptom für eine Störung im Gleichgewicht des Systems. Sie zeigen an, dass etwas im Beziehungssystem in Bewegung geraten ist oder Bedürfnisse nicht ausreichend gesehen und verhandelt werden. Wichtige Fragen dazu könnten lauten: Welche Funktion hat der Konflikt für die Beziehung? Was liegt unter dem Konflikt? Was bleibt unausgesprochen? Wessen Bedürfnis wird übersehen? Wie wird über individuelle Bedürfnisse gesprochen? In welchem Rahmen? Welche unausgesprochenen Regeln prägen das Miteinander? Die Rolle von Mustern und Wiederholungen Oft erleben Menschen in unterschiedlichen Beziehungen ähnliche Konfliktsituationen. Systemisch gesprochen handelt es sich dabei um Musterwiederholungen , die aus früheren Beziehungserfahrungen stammen. Beispiel: Jemand, der in der Herkunftsfamilie gelernt hat, dass Konflikte laut und verletzend ausgetragen werden, könnte in Partnerschaften entweder genau dieses Verhalten zeigen - oder Konflikte komplett vermeiden, aus Angst vor Eskalation. Diese Muster sind erlernt und haben in früheren Kontexten häufig einen guten Grund gehabt. In aktuellen Beziehungen wirken sie jedoch manchmal hinderlich und führen zu Spannungen. Dabei ist es wichtig, den guten Grund der Verhaltensweisen (& damit den Gewinn dessen) zu erkennen und zu würdigen. Auch wenn gewisse Teile davon in der Gegenwart als "störend" empfunden werden Das Prinzip der Zirkularität Ein zentrales Konzept in der systemischen Arbeit ist die Zirkularität . Es bedeutet, dass Verhalten nie isoliert entsteht, sondern immer in Wechselwirkung mit dem Verhalten der/des anderen steht. Frage: Wie beeinflusst mein Verhalten das Verhalten meines Gegenübers - und umgekehrt? Beispiel: Wenn ich mich emotional verschließe, zieht sich mein e Partner In vielleicht ebenfalls zurück. Wenn ich mich öffne, könnte das die/den anderen einladen, das auch zu tun. Systemisches Arbeiten lädt dazu ein, diese Wechselwirkungen zu erkennen und bewusst zu gestalten. Konstruktivismus: Die Wirklichkeit entsteht in Köpfen Ein weiteres wichtiges Prinzip ist der Konstruktivismus : Wir alle konstruieren unsere Wirklichkeit aus unseren Erfahrungen, Überzeugungen und Erwartungen. Konflikte entstehen oft, weil unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen aufeinandertreffen. Wie durch eine Brille sehen wir die Welt bedingt durch unsere individuelle Wirklichkeitskonstruktion. Diese "Brillen" unterscheiden sich individuell. Beispiel: Für die eine Person bedeutet „Nähe“ tägliche Telefonate. Für die andere Person ist das einengend. Beide erleben die Situation als belastend - aus völlig unterschiedlichen inneren Landkarten. In der systemischen Haltung geht es darum, die jeweilige Wirklichkeitskonstruktion sichtbar und verständlich zu machen, ohne sie zu bewerten. Werte und Lebensziele als unsichtbare Regisseure von Partnerschaftsdynamiken In jeder Partnerschaft treffen nicht nur zwei Menschen aufeinander, sondern auch zwei Lebensgeschichten, Wertehaltungen und Vorstellungen davon, wie „gutes Leben“ und „gelingende Beziehung“ aussehen sollen. Aus systemischer Perspektive wirken diese Werte und Lebensziele oft im Hintergrund und prägen unbewusst das Erleben von Nähe, Verbindlichkeit und Konflikten. Was für die/den eine/n Freiheit bedeutet, kann für die/den andere/n Unsicherheit auslösen. Während eine Person Harmonie als oberstes Ziel sieht, schätzt die andere vielleicht eine offene Streitkultur. Diese unterschiedlichen inneren Landkarten beeinflussen Entscheidungen, Erwartungen und das Verhalten in Konfliktsituationen. Wenn Paare sich ihrer eigenen Werte und Zukunftsvorstellungen bewusst werden und diese miteinander abgleichen, können sie Dynamiken besser verstehen und aktiv gestalten. Konflikte entstehen häufig dort, wo unausgesprochene Wertvorstellungen und Lebensziele aneinanderstoßen und bleiben bestehen, solange sie nicht sichtbar und verhandelbar gemacht werden . Systemische Beratung bietet hier den Rahmen, diese Themen behutsam zu explorieren und neue, gemeinsame Perspektiven zu entwickeln. Konflikte und Sexualität – ein systemischer Blick Ein oft unterschätzter Aspekt in Partnerschaftskonflikten ist das Thema Sexualität. Ulrich Clement betont in seiner sexualtherapeutischen Arbeit, dass Schwierigkeiten in der sexuellen Beziehung nicht isoliert betrachtet werden sollten. Vielmehr spiegeln sie häufig die Dynamik der gesamten Partnerschaft wider. Konflikte in Kommunikation, Nähe und Autonomie zeigen sich nicht selten auch im sexuellen Erleben - oder umgekehrt: eine belastete oder unbefriedigende Sexualität kann als Symptom für unausgesprochene Spannungen, ungelöste Rollenfragen oder nicht ausgehandelte Bedürfnisse im Alltag stehen. Clement spricht von Sexualität als einem „Dialog über das Medium Körper“ und macht deutlich, dass Paare oft über ihre Sexualität kommunizieren, was sie sich sprachlich nicht zu sagen trauen. Konflikte bieten hier die Chance, sich auch über diesen sensiblen Bereich der Beziehung bewusster zu werden und ihn aktiv in die Auseinandersetzung miteinzubeziehen. Was hilft im Umgang mit Beziehungskonflikten? 1️⃣ Muster erkennen: Welche wiederkehrenden Dynamiken gibt es? Wann treten Konflikte besonders häufig auf? 2️⃣ Den guten Grund verstehen: Welchen guten Grund könnte das Verhalten haben? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? 3️⃣ Verantwortung teilen: Nicht eine/einer trägt Schuld, sondern beide gestalten gemeinsam das System und die Dynamik und tragen einen eigenen Teil dazu bei. 4️⃣ Unterschiedliche Wirklichkeiten anerkennen: Jede/Jeder hat ihre/seine eigene Wahrnehmung. Es gibt kein objektives „richtig“ oder „falsch“. 5️⃣ Zirkularität nutzen: Veränderst du dein Verhalten, wird sich das auf die/den anderen auswirken. Kleine Veränderungen können große Dynamiken in Bewegung bringen. Fazit Beziehungen sind komplexe Systeme, in denen Dynamiken und Konflikte dazugehören. Systemisches Denken lädt dazu ein, weniger nach Schuldigen und mehr nach Zusammenhängen, Funktionen und Wechselwirkungen zu suchen. Wer den Mut hat, Muster zu erkennen und Wirklichkeitskonstruktionen zu hinterfragen, kann Beziehungskonflikte nicht nur klären, sondern daran auch wachsen. Visualisierung von Paardynamik und Konflikten und die Arbeit mit Werten sind zentral.
- Was bedeutet "systemisch"? Ein Einblick in Theorie, Haltung und Methoden
Die systemische Therapie und Beratung hat sich als ein wirkungsvoller Ansatz etabliert, um Menschen bei Herausforderungen in ihren Beziehungen, im Beruf oder im Umgang mit sich selbst zu unterstützen. Doch was bedeutet es eigentlich, „systemisch“ zu arbeiten? Welche theoretischen Grundlagen liegen diesem Ansatz zugrunde? In diesem Artikel gebe ich dir einen fundierten Einblick in die Systemtheorie, die wichtigsten Methoden, die Haltung systemischer Therapeut*innen sowie die Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes – sowohl in der professionellen Praxis als auch im Alltag. Die theoretischen Wurzeln: Systemtheorie als Basis Der systemische Ansatz basiert auf der allgemeinen Systemtheorie, die in den 1940er Jahren von Ludwig von Bertalanffy entwickelt wurde. Sie beschreibt, wie verschiedene Elemente eines Systems miteinander in Wechselwirkung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Diese Theorie wurde später von Kybernetikern wie Norbert Wiener und Heinz von Foerster weiterentwickelt und in die Sozialwissenschaften übertragen. Einflussreich für die systemische Therapie waren insbesondere folgende Konzepte: 1. Zirkularität und Wechselwirkungen In einem System existieren keine linearen Ursache-Wirkung-Ketten, sondern wechselseitige Einflüsse. Ein Verhalten ist nie nur die Folge eines bestimmten Ereignisses, sondern immer Teil eines komplexen Wechselspiels. Beispiel: Ein Kind zeigt auffälliges Verhalten in der Schule. Eine lineare Betrachtung könnte sagen: „Das Kind hat ADHS.“ Eine systemische Perspektive fragt jedoch: „Wie reagieren Eltern, Lehrer innen und Mitschüler innen auf dieses Verhalten? Welche Dynamiken könnten dazu beitragen, dass es sich verstärkt oder verändert?“ 2. Autopoiesis – Selbstorganisation von Systemen Der Biologe Humberto Maturana entwickelte das Konzept der Autopoiesis: Jedes lebende System erhält und organisiert sich selbst. Es kann nicht direkt von außen gesteuert werden, sondern reagiert nur auf Reize, die es als relevant einstuft. In der systemischen Therapie bedeutet das: Klient innen verändern sich nicht durch Ratschläge oder Anweisungen, sondern durch eigene Einsichten und Anpassungen ihres inneren Systems. Die Aufgabe der Therapeut in ist es, durch gezielte Fragen und Interventionen Denkprozesse anzustoßen, die neue Muster ermöglichen. 3. Konstruktivismus – Wirklichkeit ist subjektiv Der (radikale) Konstruktivismus, geprägt von Ernst von Glasersfeld und Heinz von Foerster, besagt, dass es keine objektive Realität gibt - jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Zwei Menschen können dasselbe Ereignis völlig unterschiedlich erleben, abhängig von ihren Erfahrungen, Prägungen und Interpretationsmustern. Diese Erkenntnis ist zentral für die systemische Arbeit: Anstatt eine „wahre“ Erklärung für ein Problem zu suchen, werden alternative Sichtweisen eröffnet. Das ermöglicht Veränderung, da die Art und Weise, wie jemand ein Problem betrachtet, oft entscheidender ist als das Problem selbst. Methoden und Werkzeuge der systemischen Therapie Die systemische Therapie nutzt eine Vielzahl von Techniken, um neue Perspektiven zu ermöglichen und damit Veränderung zu fördern: Zirkuläre Fragen – Perspektivenwechsel ermöglichen Statt direkte „Warum“-Fragen zu stellen, die oft zu Rechtfertigungen führen, werden zirkuläre Fragen genutzt. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Wechselwirkungen und unterschiedliche Sichtweisen. Beispiel: „Wie würde Ihre beste Freundin beschreiben, was Ihr Hauptproblem ist?“ „Wenn Ihr Partner Ihr Verhalten in dieser Situation kommentieren würde, was glauben Sie, würde er sagen?“ Diese Fragen helfen, aus starren Denkmustern auszubrechen und dabei AHA-Erlebnisse zu gewinnen und neue Handlungsräume zu betreten. Reframing – Probleme neu interpretieren Beim Reframing (engl. „umdeuten“) wird einer Situation eine neue Bedeutung gegeben. Ein Verhalten oder eine Erfahrung, die als problematisch wahrgenommen wird, kann aus einer anderen Perspektive als Ressource oder Schutzstrategie verstanden werden. Beispiel: Jemand sieht sich als „zu sensibel“ und leidet darunter. Ein Reframing könnte lauten: „Vielleicht bedeutet das, dass Sie besonders feine Signale in Ihrer Umgebung wahrnehmen und empathisch auf andere eingehen können.“ Genogrammarbeit – Familienstorys entschlüsseln Das Genogramm ist eine erweiterte Form des Stammbaums, in dem nicht nur Verwandtschaftsbeziehungen, sondern auch emotionale Bindungen und Muster über Generationen hinweg sichtbar gemacht werden. Es hilft, unbewusste Prägungen und übernommene Überzeugungen zu erkennen. Beispiel: Wer in einer Familie aufgewachsen ist, in der „Harte Arbeit zahlt sich aus“ ein unumstößlicher Glaubenssatz war, könnte Schwierigkeiten haben, sich Pausen zu erlauben. Das Genogramm hilft, solche Muster bewusst zu machen. Skalierungsfragen – Veränderung messbar machen Anstatt nach Absolutheiten zu fragen, hilft es, Entwicklungen auf einer Skala von 1 bis 10 einzuordnen. Beispiel: „Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie stark empfinden Sie aktuell Ihren Stress?“ „Was müsste passieren, damit Sie eine Stufe höher kommen?“ Diese Fragen machen Fortschritt sichtbar und geben Impulse für kleine nächste Schritte. Was bedeutet "systemisch"? Die Haltung von systemischen Therapeut*innen Neben den Methoden ist die Haltung der Therapeut*in vor allem eine wichtige Basis in der systemischen Arbeit. Die Grundlagen der Haltung sind: 1. Allparteilichkeit Systemische Therapeut*innen ergreifen keine Partei, sondern betrachten alle Perspektiven gleichwertig. Das bedeutet, auch als „problematische“ benannte Verhaltensweisen nicht zu bewerten, sondern deren Funktion im System zu verstehen. 2. Ressourcen- und Lösungsorientierung Anstatt Defizite zu betonen, wird nach vorhandenen Stärken gesucht. Auch kleine Erfolge und Ausnahmen vom Problem werden beleuchtet, um neue Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. 3. Selbstverantwortung der Klient*innen Menschen sind Expert innen für ihr eigenes Leben. Therapeut innen geben keine Lösungen vor, sondern unterstützen dabei, eigene, individuelle Antworten zu finden. 4.Nicht-Wissen Die Haltung des Nicht-Wissens bedeutet, als Therapeut*in ohne vorgefertigte Antworten oder feste Annahmen in den Prozess zu gehen. Stattdessen wird neugierig und offen erforscht, welche Bedeutungen, Muster und Lösungen die Klientinnen selbst mitbringen oder entwickeln. Diese Haltung ermöglicht es, gemeinsam neue Perspektiven zu entdecken, ohne dass die Therapeut*in eine „richtige“ Lösung vorgibt. Grenzen der systemischen Therapie in der Privatpraxis Die systemische Therapie ist kein Allheilmittel und hat klare Grenzen: Keine Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen Systemische Beratung kann keine klinische Psychotherapie ersetzen. Bei schweren Depressionen, Traumata oder Psychosen sind spezialisierte psychotherapeutische Verfahren notwendig. Nicht immer der passende Ansatz Manche Klient*innen wünschen sich konkrete Lösungen und direkte Ratschläge. Die systemische Haltung kann hier frustrierend wirken, wenn jemand nicht bereit ist, selbst zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen. Fazit: Warum systemisches Denken eine Bereicherung ist Die systemische Perspektive eröffnet neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten, indem sie Wechselwirkungen (& deren Auswirkungen) sichtbar macht, Ressourcen stärkt und Veränderung durch neue Sichtweisen ermöglicht. Wer systemisch denkt, kann nicht nur in der Therapie, sondern auch im Alltag Konflikte und Herausforderungen anders betrachten – und sich selbst und andere mit mehr Verständnis begegnen.