Nähe und Autonomie in Paarbeziehungen: Warum Verbundenheit auch Eigenständigkeit braucht
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Viele Menschen wünschen sich in einer Paarbeziehung vor allem eines: Nähe. Sie möchten sich verbunden fühlen, miteinander sprechen, Zeit teilen, einander verstehen und wissen, dass die Beziehungsperson da ist. Gleichzeitig gibt bei Menschen ein weiteres Grundbedürfnis: Autonomie. Ein Wunsch nach Lebendigkeit, Entwicklung, Freiheit, Überraschung und dem Gefühl, dem Gegenüber nicht nur im vertrauten Alltag zu begegnen, sondern immer wieder neue Seiten aneinander entdecken zu können.
Auf den ersten Blick können diese Bedürfnisse wie Gegensätze wirken. Entweder wir sind einander nah, oder wir gehen unseren eigenen Weg. Entweder wir bilden ein stabiles Wir, oder wir achten auf unsere Individualität. Entweder wir entscheiden uns für Sicherheit oder für Freiheit.
Doch vielleicht liegt eine zentrale Entwicklungsaufgabe von Paarbeziehungen gerade nicht darin, sich für einen dieser Pole zu entscheiden. Vielleicht geht es darum, immer wieder eine eigene Bewegung zwischen Nähe und Autonomie, zwischen Verbundenheit und Eigenständigkeit, zwischen Vertrautheit und Neugier zu finden.
Die Paartherapeutin und Autorin Esther Perel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit genau diesem Spannungsfeld. Ihre Gedanken eröffnen einen Blick auf Beziehungen, der nicht danach fragt, welcher Pol richtig ist, sondern wie beide nebeneinander bestehen können.
Wir wünschen uns Sicherheit und Freiheit
Esther Perel beschreibt, dass Menschen einerseits nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit und emotionaler Geborgenheit suchen. Wir möchten wissen, woran wir sind. Wir möchten vertrauen können, uns aufgehoben fühlen und erleben, dass unsere Beziehung Bestand hat.
Gleichzeitig gibt es ein Bedürfnis nach Freiheit, Selbstbestimmung, Entwicklung und einer eigenen Innen- und Außenwelt. Menschen möchten nicht ausschließlich in ihrer Rolle als Beziehungsperson aufgehen. Sie möchten Interessen verfolgen, Beziehungen zu anderen Menschen pflegen, eigene Erfahrungen machen, sich verändern und Seiten an sich entdecken, die nicht vollständig innerhalb der Paarbeziehung entstehen.
Perel betont deshalb, dass Sicherheit und Freiheit nicht als Entweder-oder verstanden werden sollten. Menschen brauchen beides, auch wenn die Gewichtung im Laufe des Lebens und innerhalb einer Beziehung schwanken kann. Manche Menschen kommen aus ihrer Biografie mit einem stärkeren Bedürfnis nach Schutz und Absicherung, andere mit einem stärkeren Bedürfnis nach Raum. Diese Bedürfnisse können sich zudem je nach Lebensphase, Belastung oder Beziehungserfahrung verändern.
Schon an dieser Stelle wird deutlich: Es gibt nicht die eine "richtige" Form von Nähe. Und es gibt nicht die "objektiv angemessene" Menge an Autonomie.
Für eine Beziehungsperson kann ein gemeinsamer Abend auf dem Sofa Geborgenheit und Verbundenheit bedeuten. Für eine andere kann derselbe Abend irgendwann als selbstverständliche Routine oder als Einschränkung erlebt werden. Zeit allein kann für eine Beziehungsperson Erholung und Selbstkontakt bedeuten, während sie bei einer anderen Unsicherheit oder die Sorge auslöst, an Bedeutung zu verlieren.
Entscheidend ist nicht nur, was geschieht, sondern welche Bedeutung Nähe und Eigenständigkeit innerhalb eines jeweiligen Beziehungssystems bekommen.
Nähe ist nicht automatisch Verbundenheit
Paare können sehr viel Zeit miteinander verbringen und sich dennoch wenig verbunden fühlen. Sie können gemeinsam wohnen, arbeiten, den Haushalt organisieren, Familienaufgaben übernehmen und jeden Abend nebeneinandersitzen. Von außen betrachtet besteht möglicherweise viel Nähe. Innerlich kann jedoch das Gefühl entstehen, sich kaum noch wirklich zu begegnen. Das liegt auch daran, dass räumliche oder zeitliche Nähe nicht mit emotionaler Verbundenheit gleichzusetzen ist.
Gemeinsame Zeit kann Nähe ermöglichen. Sie kann aber auch von Organisation, Erschöpfung, Erwartungen oder funktionalen Aufgaben geprägt sein. Besonders in langjährigen Beziehungen wird aus dem Liebespaar häufig zusätzlich ein Alltagsteam: Termine müssen abgestimmt, Rechnungen bezahlt, Kinder begleitet, Einkäufe erledigt und berufliche Belastungen aufgefangen werden.
Dieser Funktionsmodus kann Ausdruck von Verlässlichkeit, Fürsorge und gemeinsam getragener Verantwortung sein. Schwierig wird es erst, wenn er kaum noch durch andere Formen der Begegnung ergänzt wird und Beziehungspersonen einander hauptsächlich in ihren Funktionen wahrnehmen.
Dann wird aus:
„Wer bist du gerade?“
schnell:
„Hast du daran gedacht?“
Und aus:
„Was beschäftigt dich?“
wird:
„Was müssen wir morgen organisieren?“

Und aus der Beziehungsperson wird unbemerkt die Person, die einkauft, Termine vergisst, die Kinder abholt, zu spät kommt, Dinge repariert oder den Überblick behält.
Esther Perels Arbeit lädt dazu ein, neben der Vertrautheit auch die sogenannte Andersheit des Gegenübers wahrzunehmen. In Liebe suchen Menschen häufig Sicherheit, Komfort, Verlässlichkeit und Bekanntheit. Begehren und Lebendigkeit können dagegen auch mit Neugier, Vorstellungskraft und dem Erleben verbunden sein, dass die Beziehungsperson ein eigenständiger, niemals vollständig verfügbarer Mensch bleibt. Damit ist nicht gemeint, künstlich Distanz herzustellen oder sich absichtlich rarzumachen. Auch emotionale Unerreichbarkeit ist keine Voraussetzung für Anziehung. Es geht vielmehr darum, Vertrautheit nicht mit vollständigem Wissen zu verwechseln.
„Ich kenne meine Beziehungsperson“ - oder vielleicht doch nicht vollständig?
In langfristigen Beziehungen entsteht viel gemeinsames Wissen. Beziehungspersonen kennen die Routinen, Vorlieben, empfindlichen Punkte, Familiengeschichten und typischen Reaktionen ihres Gegenübers. Dieses Wissen schafft Sicherheit und erleichtert das Zusammenleben.
Gleichzeitig kann aus Vertrautheit Gewissheit werden:
„Ich weiß genau, was meine Beziehungsperson denkt.“
„Ich weiß, wie dieser Satz gemeint war.“
„Ich kenne die Reaktion sowieso schon.“
„Meine Beziehungsperson würde so etwas niemals mögen.“
Solche Annahmen können auf vielen gemeinsamen Erfahrungen beruhen. Dennoch können sie dazu führen, dass wir weniger fragen und mehr voraussetzen. Die Beziehungsperson wird dann zunehmend durch die eigene innere Landkarte betrachtet.
Systemisch gesprochen begegnen wir nicht nur dem Menschen vor uns. Wir begegnen auch unseren bisherigen Erfahrungen mit diesem Menschen, unseren Erwartungen, unseren Deutungen und der gemeinsamen Beziehungsgeschichte.
Eine systemische Haltung versucht deshalb, vermeintliche Gewissheiten wieder in Hypothesen zu verwandeln.
Aus:
„Ich weiß, dass du keine Lust darauf hast“
könnte werden:
„Ich vermute, dass du keine Lust darauf hast. Stimmt das noch?“
Aus:
„Du brauchst mich offensichtlich nicht“
könnte werden:
„Wenn du viel allein unternimmst, bemerke ich bei mir die Sorge, an Bedeutung zu verlieren. Was bedeutet diese Zeit für dich?“
Aus:
„Wir haben uns nichts mehr zu sagen“
könnte werden:
„Wie sprechen wir gerade miteinander – und unter welchen Bedingungen entstehen bei uns andere Gespräche?“
Der Unterschied erscheint klein. Dennoch öffnet er einen neuen Möglichkeitsraum. Die Beziehungsperson wird nicht mehr ausschließlich durch eine feste Beschreibung betrachtet, sondern wieder als Mensch, der sich verändern, überraschen und widersprechen darf.
Autonomie bedeutet nicht Abwendung
Der Begriff Autonomie wird in Paarbeziehungen manchmal missverstanden. Er kann klingen, als würde es darum gehen, unabhängig voneinander zu leben, möglichst wenig zu brauchen oder keine Rücksicht aufeinander zu nehmen. Doch Autonomie bedeutet nicht Beziehungslosigkeit. Sie kann heißen, sich als eigenständigen Menschen wahrzunehmen und gleichzeitig verbunden zu sein. Eigene Interessen, Freundschaften, Gedanken und Entwicklungsräume zu besitzen, ohne dadurch das gemeinsame Wir abzuwerten. Eine Beziehung besteht nicht nur aus dem Wir. Sie besteht auch aus mindestens zwei eigenständigen Ichs. Je nach Beziehungskonstellation und Beziehungsmodell können es selbstverständlich auch mehr als zwei Beziehungspersonen sein. Der grundlegende Gedanke bleibt derselbe: Verbundenheit entsteht nicht dadurch, dass Individualität verschwindet.
Aus systemischer Perspektive interessiert mich deshalb weniger die Frage:
„Wie viel Zeit sollten Paare getrennt verbringen?“
Spannender sind Fragen wie:
Welche Bedeutung bekommt Eigenständigkeit in dieser Beziehung?
Wann wird sie als Bereicherung erlebt?
Wann wird sie als Bedrohung wahrgenommen?
Welche bisherigen Erfahrungen beeinflussen diese Deutung?
Wie wird Zugehörigkeit hergestellt, wenn Beziehungspersonen unterschiedliche Dinge tun?
Wie viel Unterschiedlichkeit kann die Beziehung gerade tragen?
Woran merken beide Beziehungspersonen, dass sie verbunden bleiben, auch wenn sie nicht alles miteinander teilen?
Autonomie kann eine Ressource für Beziehungen sein. Eine Beziehungsperson bringt neue Erfahrungen, Eindrücke, Kontakte und Gedanken zurück in die Beziehung. Es entsteht etwas, von dem erzählt werden kann. Menschen können einander erneut als kompetent, leidenschaftlich, neugierig oder lebendig erleben.
Esther Perel beschreibt diese Erfahrung häufig im Zusammenhang mit Anziehung: Manche Menschen nehmen ihre Beziehungsperson besonders stark wahr, wenn sie diese in ihrem eigenen Element sehen – etwa bei einer Tätigkeit, die sie begeistert, im Austausch mit anderen Menschen oder in einer Situation, in der Selbstständigkeit und Präsenz sichtbar werden.
Vielleicht entsteht Neugier also nicht allein durch räumlichen Abstand. Sie kann auch dadurch entstehen, dass wir unserem Gegenüber zugestehen, mehr zu sein als die uns vertraute Rolle innerhalb des gemeinsamen Alltags.
Nähe und Autonomie sind keine feste Balance
Oft ist von der „richtigen Balance“ zwischen Nähe und Distanz die Rede. Das klingt, als ließe sich ein optimaler Punkt finden, den eine Beziehung anschließend nur noch halten muss.
Beziehungen funktionieren jedoch selten so statisch. Es gibt Zeiten, in denen besonders viel Nähe gebraucht wird: während einer Krise, nach einem Verlust, in einer gesundheitlichen Belastung oder in einer Phase großer Unsicherheit. In anderen Zeiten rückt das Bedürfnis nach Entwicklung und eigenem Raum stärker in den Vordergrund. Auch innerhalb derselben Situation können Beziehungspersonen unterschiedliche Bewegungen machen: Eine Person sucht unter Stress möglicherweise mehr Kontakt, während eine andere zunächst Rückzug und Selbstregulation benötigt. Dadurch kann ein zirkulärer Prozess entstehen: Je stärker eine Beziehungsperson Nähe einfordert, desto stärker zieht sich die andere zurück. Je stärker sich eine Beziehungsperson zurückzieht, desto dringlicher sucht die andere nach Verbindung. Nähe und Autonomie sind in Paarbeziehungen keine festen Größen, sondern Teil eines fortlaufenden Aushandlungsprozesses.
Eine lineare Betrachtung würde nun vielleicht fragen:
„Wer verhält sich problematisch?“
Eine systemische Betrachtung fragt eher:
„Wie wirken die Reaktionen aufeinander?“
„Wie trägt jede Reaktion unbeabsichtigt dazu bei, dass sich der Kreislauf fortsetzt?“
„Welches nachvollziehbare Bedürfnis versucht jede Beziehungsperson zu schützen?“
„Was müsste sichtbar oder besprechbar werden, damit eine neue Bewegung möglich wird?“
So wird aus der Suche nach Schuld eine Untersuchung von Wechselwirkungen.
Nähe und Autonomie sind dann keine persönlichen Eigenschaften, die eine Person besitzt und die andere nicht. Sie werden relational verhandelt. Ihre Bedeutung entsteht im Zusammenspiel.
Was Esther Perels Perspektive nicht bedeutet
Perels Gedanken werden manchmal stark verkürzt wiedergegeben: Nähe sei schlecht für Begehren, Distanz mache automatisch attraktiv oder Paare müssten sich nur häufiger getrennt erleben.
Diese Schlussfolgerungen greifen zu kurz. Sicherheit, Verlässlichkeit und emotionale Nähe sind zentrale Qualitäten von Beziehungen. Eigenständigkeit ersetzt keine Kommunikation. Distanz heilt keine ungelösten Verletzungen. Und eine Beziehungsperson, die sich nach Verbindung sehnt, braucht nicht einfach den Rat, unabhängiger zu werden.
Die interessantere Frage lautet nicht:
„Wie schaffen wir mehr Abstand?“
Sondern:
„Wie können wir verbunden sein, ohne uns gegenseitig auf bereits bekannte Rollen zu reduzieren?“
Es geht nicht um Distanz um der Distanz willen. Es geht um Differenzierung: Ich kann dir nah sein und zugleich anerkennen, dass du ein von mir unterschiedener Mensch bist. Ich kann mich auf dich verlassen und zugleich akzeptieren, dass ich nicht jede innere Bewegung kontrollieren oder vollständig verstehen kann. Ich kann Teil eines Wirs sein, ohne mein Ich aufzugeben.
Diese Spannung lässt sich nicht dauerhaft auflösen. Sie muss immer wieder ausgehandelt werden.
Was die Forschung zu neuen Erfahrungen in Beziehungen sagt
Esther Perel begründet ihre Gedanken vor allem aus ihrer langjährigen paar- und sexualtherapeutischen Arbeit. Sie betreibt kein eigenes klassisches Forschungsprogramm zu Nähe und Autonomie. Einige ihrer Überlegungen lassen sich jedoch mit Erkenntnissen aus der psychologischen Beziehungsforschung verbinden.
Besonders passend ist das Self-Expansion-Modell. Es beschreibt, dass Menschen danach streben, ihre Perspektiven, Fähigkeiten, Erfahrungen und ihr Selbstbild zu erweitern. Paarbeziehungen können ein wichtiger Ort dieser Entwicklung sein.
Forschung zeigt, dass gemeinsame neue, anregende und als erweiternd erlebte Aktivitäten mit höherer Beziehungszufriedenheit und stärkerem sexuellem Begehren zusammenhängen können. Entscheidend ist dabei nicht einfach, „mehr Paarzeit“ zu verbringen. Die Erfahrung sollte tatsächlich neu, anregend oder entwicklungsfördernd sein. Das kann eine Reise oder ein neues gemeinsames Hobby sein. Es muss aber nicht spektakulär oder kostspielig werden. Self-Expansion kann auch bedeuten: gemeinsam ein bislang unbekanntes Viertel zu erkunden, ein Gespräch über ein ungewohntes Thema zu führen, eine Veranstaltung zu besuchen, gemeinsam etwas zu lernen oder die Beziehungsperson in einem neuen Kontext zu erleben.
Darüber hinaus kann auch die Unterstützung individueller Entwicklung relevant sein. Beziehungspersonen müssen nicht jede Erfahrung gemeinsam machen. Eine Beziehung kann ebenfalls davon profitieren, wenn Menschen einander darin unterstützen, eigene Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten zu verfolgen.
Die Forschung liefert dabei keine allgemeingültige Anleitung und keinen Beweis dafür, dass Neuheit jede Beziehung verbessert. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass Beziehungserleben nicht nur von Konfliktvermeidung und Stabilität geprägt wird. Auch Wachstum, Neugier und neue Erfahrungen können eine wichtige Rolle spielen. Neuere Übersichtsarbeiten ordnen gemeinsame self-expansive Aktivitäten als einen möglichen Weg ein, die Beziehungsqualität und darüber vermittelt auch das individuelle Wohlbefinden zu fördern.
Fragen, die Nähe und Eigenständigkeit besprechbar machen
Viele Paare sprechen erst über Autonomie, wenn bereits ein Konflikt entstanden ist. Eine Beziehungsperson möchte häufiger allein unterwegs sein, eine andere wünscht sich mehr gemeinsame Zeit. Schnell wird daraus eine Diskussion darüber, wer zu viel fordert oder zu wenig gibt.
Hilfreicher kann es sein, zunächst die Bedeutung hinter den Positionen zu erkunden.
Statt nur zu fragen:
„Wie viele Abende verbringen wir gemeinsam?“
könnten Beziehungspersonen darüber sprechen:
Wann erlebst du unsere gemeinsame Zeit wirklich als Verbindung?
Woran merkst du, dass du in unserer Beziehung du selbst sein kannst?
Welche Seiten von dir bekommen in unserem gemeinsamen Alltag viel Raum – und welche weniger?
Wann hast du mich zuletzt in einer Situation erlebt, in der du neugierig auf mich geworden bist?
Was bedeutet es für dich, wenn ich etwas allein unternehme?
Welche Form von Rückversicherung hilft dir, ohne dass Eigenständigkeit aufgegeben werden muss?
Was machen wir gemeinsam, weil es uns wirklich verbindet – und was vor allem aus Gewohnheit?
Welche Erfahrung würdest du gern einmal mit mir teilen, die für uns beide neu wäre?
Was hast du in letzter Zeit gedacht, gefühlt oder entdeckt, von dem ich noch nichts weiß?
Wer bist du heute – und an welcher Stelle behandle ich dich vielleicht noch wie eine frühere Version von dir?
Diese Fragen sind nicht als Checkliste gedacht, die in einem einzigen Gespräch abgearbeitet werden muss. Manche Fragen können viel auslösen. Es kann sinnvoll sein, sich nur eine davon auszusuchen und zunächst zuzuhören, ohne sofort zu erklären, sich zu verteidigen oder eine Lösung zu entwickeln.
Ein kleiner Impuls für den Alltag
Eine Möglichkeit besteht darin, einen Abend nicht mit der Frage zu beginnen:
„Wie war dein Tag?“
Diese Frage ist grundsätzlich wertvoll, führt aber nach vielen gemeinsamen Jahren manchmal zu automatisierten Antworten. Alternativ könnten Beziehungspersonen einander fragen:
„Was hat dich heute überrascht?“
„Worüber hast du heute nachgedacht, das ich noch nicht von dir kenne?“
„In welchem Moment hast du dich heute besonders lebendig gefühlt?“
„Was beschäftigt dich gerade, ohne dass ich es lösen soll?“
„Welche Seite von dir bekommt momentan zu wenig Raum?“
Der Fokus verschiebt sich dadurch vom reinen Informationsaustausch hin zu einer erneuten Begegnung.
Wie ich mit diesem Thema in der Paartherapie arbeite
In der Paartherapie geht es für mich nicht darum, Paaren eine vermeintlich gesunde Menge an Nähe oder Freiraum vorzugeben. Ich möchte das paar begleiten, gemeinsam verstehen, wie die Beziehung bislang organisiert ist und welche Bedeutungen die beteiligten Beziehungspersonen mit Nähe, Rückzug, Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit verbinden.
Ich frage zum Beispiel:
Was geschieht zwischen euch, wenn eine Beziehungsperson mehr Nähe sucht?
Wie reagiert die andere Beziehungsperson darauf?
Welche Befürchtungen oder Schutzbewegungen werden dadurch ausgelöst?
Wofür war das bisherige Muster möglicherweise hilfreich?
Welche Form von Sicherheit wäre notwendig, damit mehr Eigenständigkeit möglich wird?
Und welche Form von Eigenständigkeit könnte wiederum neue Begegnung ermöglichen?
Dabei suche ich nicht nach der einen Ursache. Häufig wirken biografische Erfahrungen, aktuelle Belastungen, unausgesprochene Erwartungen, gesellschaftliche Beziehungsideale und konkrete Alltagsstrukturen zusammen. Manchmal zeigt sich, dass eine Beziehungsperson Autonomie mit Liebesentzug verbindet. Manchmal wird Nähe als Kontrolle erlebt. Manchmal hat eine Beziehung über Jahre vor allem durch gemeinsames Funktionieren Stabilität hergestellt. Und manchmal gibt es durchaus ausreichend Zeit miteinander, aber wenige Momente, in denen Beziehungspersonen sich als eigenständige, interessante Menschen wahrnehmen. Die therapeutische Arbeit besteht dann nicht darin, Nähe gegen Autonomie auszuspielen. Es geht darum, die bisherige Logik verstehbar zu machen und gemeinsam neue Möglichkeiten zu entwickeln. Nähe und Autonomie in Paarbeziehungen dürfen immer wieder neu besprochen und aufeinander abgestimmt werden.
Buchtipps zu Nähe, Autonomie und Lebendigkeit
Esther Perel: „Was Liebe braucht – Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen“
Im englischen Original heißt es Mating in Captivity. Perel untersucht darin die Spannung zwischen Liebe und Begehren, Vertrautheit und Fremdheit, Sicherheit und Freiheit in langfristigen Beziehungen. Das Buch erschien erstmals 2006 und wurde international breit rezipiert. Es ist kein klassischer Ratgeber mit einem festen Übungsprogramm. Vielmehr verändert es die Fragen, die wir an Beziehungen stellen. Perel lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was Lebendigkeit innerhalb einer verlässlichen Beziehung ermöglicht und weshalb Liebe und Begehren nicht immer denselben Bedingungen folgen.
Podcasttipps mit Esther Perel
„In This Relationship What Is ‘I’ and What Is ‘We’?“
Diese Episode von Where Should We Begin? passt besonders gut zum Spannungsfeld von Verbundenheit und Eigenständigkeit. Bereits der Titel benennt die zentrale Frage: Was gehört innerhalb einer Beziehung zum Ich und was zum Wir? In der rund 52-minütigen Sitzung wird erlebbar, wie Perel nicht nur über Beziehungskonzepte spricht, sondern mit konkreten Beziehungsdynamiken arbeitet.
„Are You Abandoning Me or Am I Suffocating You?“
Auch diese Episode greift eine typische Polarität auf: Eine Bewegung wird von einer Beziehungsperson als Verlassenwerden erlebt, während sich die andere möglicherweise eingeengt fühlt. Der Titel zeigt bereits, dass ein und derselbe Beziehungskreislauf aus zwei nachvollziehbaren, aber sehr unterschiedlichen Perspektiven erlebt werden kann.
„20 Years Later, Esther Revisits Mating in Captivity“
Diese Folge ist besonders geeignet, um Perels theoretische Gedanken zu Liebe, Begehren und langfristigen Beziehungen kennenzulernen. Sie blickt auf die zentralen Ideen ihres ersten Buches zurück und ordnet ein, warum die Spannung zwischen Sicherheit und Lebendigkeit auch nach vielen Jahren relevant bleibt.
Der Podcast „Where Should We Begin?“
In diesem Podcast können Zuhörende anonymisierten Paar- und Einzelgesprächen folgen. Das Format vermittelt nicht nur Inhalte, sondern macht Perels therapeutische Arbeitsweise hörbar: ihre Fragen, ihre Irritationen, ihr Umgang mit Widersprüchen und ihre Art, vertraute Erzählungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die offizielle Beschreibung betont, dass reale Menschen hinter den anonymisierten Sitzungen stehen und die Folgen jeweils nur einen Ausschnitt ihrer Geschichte zeigen.
Nähe bewahren, ohne Eigenständigkeit zu verlieren
Vielleicht besteht eine lebendige Paarbeziehung nicht darin, einander möglichst vollständig zu kennen, alles miteinander zu teilen und jede Entwicklung gemeinsam zu vollziehen. Vielleicht besteht sie darin, Nähe herzustellen und gleichzeitig Unterschiedlichkeit auszuhalten. Sich aufeinander verlassen zu können, ohne einander festzulegen. Ein gemeinsames Wir zu gestalten, ohne dass die beteiligten Ichs darin verschwinden. Und die Beziehungsperson nicht nur als vertrauten Teil des eigenen Lebens zu sehen, sondern immer wieder als eigenständigen Menschen, dessen Innenwelt niemals vollständig bekannt sein wird. Das kann verunsichern. Es kann aber auch Neugier ermöglichen.
Vielleicht dürfen wir uns deshalb auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch fragen:
Wer ist meine Beziehungsperson heute?
Welche Seiten sehe ich gerade besonders deutlich – und welche sind aus meinem Blick geraten?
Wo erleben wir uns als verbunden?
Und wo dürfen wir uns wieder stärker als eigenständige Menschen begegnen, die einander nicht nur kennen, sondern immer wieder neu kennenlernen können?
Herzlichst,
Luisa Peine




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