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Kreative Methoden in der systemischen Therapie: Wie Collagen innere Anteile sichtbar machen

  • vor 4 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Manche Themen lassen sich nicht sofort in Worte fassen. Vielleicht ist da ein diffuses Gefühl, eine innere Spannung, ein wiederkehrendes Muster oder ein Anteil, der sich meldet, aber noch keine klare Sprache hat. In der systemischen Therapie und Beratung arbeite ich deshalb nicht nur sprachlich, sondern arbeite auch gern mit Visualisierungen (Verbildlichungen). Manchmal nutze ich dazu Bildkarten, Figuren, Knete, oder Collagen. Diese Hilfmittel können hilfreich für den Prozess sein, weil kreative und visualisierende Methoden einen anderen Zugang ermöglichen: weg vom reinen Nachdenken, hin zu einem Erleben, Betrachten und Verstehen aus einer neuen Perspektive. In einer Lesart könnte es als: "Raus aus dem Kopf und hinein ins Gefühl" beschrieben werden.


Wozu kreative Methoden in der systemischen Therapie hilfreich sein können

Systemisches Arbeiten fragt weniger: „Was ist das Problem?“ Sondern: „In welchem Zusammenhang ist es entstanden? Welche Funktion hatte es vielleicht einmal? Wer oder was ist daran beteiligt? Welche Bedeutungen wurden gelernt? Und welche neuen Möglichkeiten könnten entstehen?“

Kreative Methoden können dabei helfen, innere und äußere Zusammenhänge sichtbar zu machen. Etwas, das vorher nur als Gedanke, Gefühl oder Körperempfindung da war, bekommt eine Form. Es liegt plötzlich vor einem. Es wird anschaubar, beschreibbar und veränderbar.

Das kann entlastend sein, weil Menschen dadurch häufig mehr Abstand zu ihrem Erleben gewinnen. Aus „Ich bin so“ kann zum Beispiel werden: „Da ist ein Anteil in mir, der sich sehr verantwortlich fühlt.“ Oder aus „Ich bin blockiert“ wird: „Da ist eine Blockade, die mich gerade schützt oder zurückhält.“

Diese Unterschiedsbildung klingt klein. Ist er aber nicht. Denn wenn ein Problem, ein Muster oder ein innerer Anteil sichtbar wird, kann ich mich dazu in Beziehung setzen. Ich kann fragen: Was willst du mir sagen? Wovor schützt du mich? Wann bist du entstanden? Was brauchst du heute?


Externalisierung: Etwas Inneres nach außen bringen

Ein wichtiger Gedanke dabei ist die Externalisierung. In der systemischen und narrativen Arbeit bedeutet das vereinfacht: Ein Problem, eine Belastung oder ein inneres Erleben wird nicht mit der ganzen Person gleichgesetzt, sondern nach außen verlagert und damit betrachtbar gemacht. Das kann sprachlich passieren, zum Beispiel wenn wir nicht sagen: „Ich bin ängstlich“, sondern: „Die Angst ist gerade sehr präsent.“ Es kann aber auch sichtbar und greifbar werden. Zum Beispiel durch:

  • Knete, aus der eine innere Spannung geformt wird

  • Ton, mit dem ein Schutzpanzer oder ein Bedürfnis gestaltet wird

  • Bilder, die für unterschiedliche Gefühle oder Beziehungserfahrungen stehen

  • Figuren oder Symbole, die innere Anteile oder Beziehungsmuster darstellen

  • Collagen, die innere Dynamiken sichtbar machen

Externalisierung schafft Abstand, ohne das Erleben kleinzureden. Es geht nicht darum, etwas „wegzumachen“. Es geht darum, anders damit in Kontakt zu kommen.


Arbeiten mit Knete, Ton, Bildern und Symbolen

Kreative Materialien können besonders dann hilfreich sein, wenn Menschen sehr verkopft sind oder wenn ein Thema schwer greifbar ist. Mit Knete oder Ton kann zum Beispiel eine Belastung geformt werden. Wie sieht sie aus? Ist sie hart oder weich? Beweglich oder starr? Hat sie Kanten? Ist sie schwer? Was passiert, wenn sie verändert wird?

Mit Bildern kann ein innerer Zustand sichtbar gemacht werden. Ein Bild kann manchmal schneller ausdrücken, was sich sprachlich noch nicht sortieren lässt. Dabei geht es nicht um künstlerische Leistung. Niemand muss „gut malen“ oder ästhetisch perfekte Ergebnisse produzieren. Es geht um Bedeutung, Resonanz und innere Orientierung.

Auch Symbole können eine große Wirkung haben. Ein Stein kann für Schwere stehen, ein Faden für Verbindung, ein Tier für eine innere Kraft, ein leerer Raum für etwas Fehlendes. Solche Symbole machen sichtbar, was im Gespräch sonst leicht abstrakt bleibt.


Innere Anteile: Verschiedene Stimmen in uns

Ein weiterer Zugang ist die Arbeit mit inneren Anteilen. Damit ist gemeint, dass wir Menschen nicht immer eindeutig und widerspruchsfrei erleben. In uns können verschiedene innere Stimmen, Bedürfnisse, Schutzstrategien und gelernte Reaktionsweisen gleichzeitig wirken.

Ein Teil möchte funktionieren. Ein anderer ist erschöpft. Ein Teil möchte Nähe. Ein anderer schützt sich durch Rückzug. Ein Teil kritisiert. Ein anderer sehnt sich nach Anerkennung. Ein Teil möchte mutig losgehen. Ein anderer hat Angst, etwas falsch zu machen.

In der Arbeit mit inneren Anteilen geht es nicht darum, sich selbst in Einzelteile zu zerlegen. Es geht vielmehr darum, innere Dynamiken besser zu verstehen. Viele Anteile haben eine Geschichte. Oft hatten sie einmal eine wichtige Funktion. Vielleicht haben sie geholfen, sich anzupassen, sicher zu bleiben, Erwartungen zu erfüllen oder Verletzungen zu vermeiden.

Systemisch betrachtet fragen wir deshalb nicht nur: „Wie werde ich diesen Anteil los?“ Sondern eher: „Wofür ist dieser Anteil entstanden? Was versucht er zu schützen? In welchem Kontext war er einmal sinnvoll? Und welche neue Rolle könnte er heute bekommen?“


Collagenarbeit mit inneren Anteilen

Eine meiner liebsten kreativen Methoden ist die Arbeit mit Collagen. Es müssen keine perfekten Bilder entstehen. Man arbeitet mit vorhandenem Material: Zeitschriften, Fotos, Farben, Worten, Formen, Symbolen, Schnipseln. Gerade dadurch kann etwas Überraschendes entstehen. Manchmal spricht ein Bild an, bevor der Kopf erklären kann, warum. Ein Satz aus einer Zeitschrift bleibt hängen. Eine Farbe fühlt sich passend an. Eine Form wirkt wie eine Grenze, ein Schutz, eine Sehnsucht oder ein innerer Widerstand. In der Arbeit mit inneren Anteilen kann eine Collage zum Beispiel einem bestimmten Anteil gewidmet sein.


Beispiel: Das verspielte innere Kind

Eine Collage zum verspielten inneren Kind könnte bunte Farben, Bewegung, Natur, Tiere, Fantasiewelten oder Erinnerungen an unbeschwerte Momente enthalten. Vielleicht finden sich Bilder von Freiheit, Kreativität, Neugier oder Leichtigkeit. In der Reflexion könnten Fragen entstehen wie:

  • Was macht diesem Anteil Freude?

  • Wann zeigt er sich in deinem Leben?

  • Wie ist dein inneres Bild dieses Anteils?

  • Welche Bedürfnisse nach Kreativität, Spiel oder Lebendigkeit bringt er mit?

Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen oder hohe Ansprüche an sich selbst haben, entdecken hier oft eine Seite von sich, die im Alltag wenig Beachtung findet.


Beispiel: Der kritische Anteil

Eine Collage zum kritischen Anteil könnte strenge Worte, beobachtende Augen, Regeln, Checklisten, Perfektion oder klare Strukturen enthalten. Vielleicht dominieren dunklere Farben, scharfe Kanten oder kontrollierende Symbol. Auf den ersten Blick wirkt dieser Anteil häufig anstrengend oder hart. Im Gespräch zeigt sich jedoch oft, dass er eine wichtige Schutzfunktion übernommen hat. Mögliche Reflexionsfragen:

  • Wovor möchte dieser Anteil dich schützen?

  • Welche Botschaften wiederholt er?

  • Was ist dein inneres Bild dieses Anteils?

  • Was bräuchte er, um etwas mehr Vertrauen zu entwickeln?

Systemisch betrachtet ist die spannende Frage oft nicht, wie man diesen Anteil loswird, sondern welche Aufgabe er ursprünglich übernommen hat.


Beispiel: Der Abenteuer-Anteil

Eine Collage zum Abenteuer-Anteil könnte Reisen, weite Landschaften, Berge, Straßen, Bewegung, Mut, Entdeckung oder neue Horizonte zeigen. Vielleicht tauchen Bilder von Freiheit, Neugier, Veränderung oder Selbstbestimmung auf. Dieser Anteil steht häufig für Entwicklung, Wachstum und die Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen. Mögliche Reflexionsfragen:

  • Wonach sehnt sich dieser Anteil?

  • Was ist dein inneres Bild dieses Anteils?

  • Was möchte er entdecken oder ausprobieren?

  • Bei welchen Aktivitäten fühlst du ihn? Welche Farben, Formen kommen dabei auf?

Gerade in Veränderungsprozessen kann dieser Anteil eine wichtige Ressource sein. Gleichzeitig gerät er manchmal in Konflikt mit Anteilen, die Sicherheit und Kontrolle bevorzugen.


Beispiel: Der bedürftige Anteil

Eine Collage zum bedürftigen Anteil könnte Bilder von Nähe, Geborgenheit, Wärme, Unterstützung oder Schutz enthalten. Vielleicht finden sich auch Symbole für Einsamkeit, Sehnsucht oder Verbundenheit.

Dieser Anteil macht oft sichtbar, was Menschen brauchen, sich aber nicht immer erlauben: Unterstützung, Zuwendung, Verständnis, Ruhe oder emotionale Nähe. Mögliche Reflexionsfragen:

  • Welche Bedürfnisse bringt dieser Anteil mit?

  • Wann meldet er sich besonders deutlich?

  • Wonach sehnt sich dieser Anteil?

  • Welches innere Bild/Gefühl hast du zu ihm?

Für viele Menschen ist die Begegnung mit diesem Anteil besonders berührend. Nicht selten wurde Bedürftigkeit im Laufe des Lebens als Schwäche bewertet. Die Collage kann helfen, diesen Anteil neugierig und wertschätzend kennenzulernen.


Collage systemische Therapie kreativ Externalisierung

In der praktischen Arbeit entstehen häufig mehrere Collagen gleichzeitig. Besonders spannend wird es, wenn verschiedene Anteile miteinander in Beziehung gesetzt werden. Was würde der kritische Anteil dem verspielten inneren Kind sagen? Wie reagiert der Abenteuer-Anteil auf die Bedürfnisse des bedürftigen Anteils? Welche Allianzen und Konflikte zeigen sich innerhalb des inneren Systems? Oft entstehen genau hier neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten.


Was Collagen ermöglichen können

Collagen können innere Prozesse auf mehreren Ebenen sichtbar machen. Sie helfen dabei, Abstand zu gewinnen. Ein innerer Anteil ist dann nicht mehr „die ganze Wahrheit über mich“, sondern ein Teil meines inneren Systems. Über ein Bild zu sprechen ist manchmal leichter, als direkt über sich selbst zu sprechen.

Sie machen Ambivalenzen sichtbar. Verschiedene Bilder, Farben und Worte können nebeneinander existieren, ohne sofort aufgelöst werden zu müssen. Sie fördern Selbstmitgefühl. Wenn die Funktion eines Anteils sichtbar wird, entsteht oft weniger Kampf gegen sich selbst. Sie öffnen neue Handlungsmöglichkeiten. Wenn ein Anteil nicht mehr nur automatisch wirkt, sondern betrachtet und verstanden werden kann, entsteht mehr Wahlfreiheit. Und sie bringen oft etwas ins Gespräch, das über reines Nachdenken schwer zugänglich wäre: Körperempfinden, Intuition, Atmosphäre, Beziehungserfahrungen, Sehnsucht, Schutz und alte Bedeutungen.


Wie ich Collagen in meine Arbeit integriere

In meiner systemischen Arbeit nutze ich Collagen nicht als starre Methode, die für alle passt. Vorher bespreche ich gemeinsam mit meinen Klient*innen, ob diese Form des Arbeitens für sie stimmig ist. Manche Menschen haben direkt Lust darauf. Andere möchten lieber anders arbeiten. Beides ist vollkommen in Ordnung. Wenn Collagen passend erscheinen, können sie zum Beispiel als Hausaufgabe zwischen zwei Sitzungen entstehen. Dafür gebe ich eine kleine Anleitung und Fokusfragen mit. Es geht nicht darum, etwas Schönes oder Perfektes zu gestalten. Es geht darum, einem inneren Erleben Form zu geben.

Mögliche Fokusfragen können sein:

  • Welcher innere Anteil ist gerade besonders präsent?

  • Welche Bilder, Farben oder Worte passen zu diesem Anteil?

  • Was versucht dieser Anteil für dich zu tun?

  • Wovor schützt er dich vielleicht?

  • Was möchte er sagen?

  • Was braucht er heute?

  • Welche Beziehung möchtest du zu diesem Anteil entwickeln?

In der nächsten Sitzung schauen wir gemeinsam auf die Collage. Nicht bewertend, sondern neugierig. Was fällt auf? Was überrascht? Welche Bedeutungen zeigen sich? Welche Geschichte erzählt die Collage? Was wirkt stärkend, was engt ein, was möchte gesehen werden? Die Collage wird dadurch nicht einfach „analysiert“, als gäbe es eine richtige Deutung. Vielmehr entsteht ein gemeinsamer Reflexionsraum. Die Bedeutung liegt nicht im Material selbst, sondern in dem, was die Person damit verbindet.


Kreative Methoden als Einladung zum Perspektivwechsel

Kreative und visualisierende Methoden können systemische Arbeit bereichern, weil sie innere und äußere Wirklichkeiten sichtbar machen. Sie schaffen Abstand, eröffnen neue Beschreibungen und laden dazu ein, mit sich selbst anders in Kontakt zu kommen.

Manchmal braucht Veränderung nicht sofort eine Lösung. Manchmal beginnt sie damit, etwas überhaupt erst sehen zu können.

Eine Collage, ein Stück Ton, ein Bild oder ein Symbol kann dann zu einer Einladung werden: hinzuschauen, zu differenzieren, zu würdigen und neue Möglichkeiten zu entdecken.


Herzlichst,

Luisa

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