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Projektionen und Introjektionen systemisch betrachtet

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Beziehungen sind nicht nur Begegnungen zweier Menschen, sondern auch Begegnungen zweier innerer Welten. Gefühle, Erwartungen und alte Erfahrungen wirken mit – oft unbewusst. Zwei psychologische Konzepte, die dabei eine große Rolle spielen, sind Projektion und Introjektion. Wenn Projektionen und Introjektionen systemisch betrachtet werden, zeigt sich, dass beide beschreiben Mechanismen beschreiben, wie wir innere Anteile nicht (bewusst) bei uns behalten, sondern sie nach außen verlagern oder von außen übernehmen. In der systemischen Therapie sind sie zentral, weil sie erklären, warum Paare immer wieder in ähnliche Konfliktmuster geraten und warum Einzelpersonen manchmal schwer zwischen eigenem Erleben und fremden Zuschreibungen unterscheiden können.


Projektion – innere Anteile nach außen verlagern

Unter Projektion versteht man in der Psychologie das Übertragen eigener Gefühle, Wünsche oder ungeliebter Anteile auf andere Personen.

  • Klassisch: „Ich sehe im anderen etwas, das eigentlich zu mir gehört.“

  • Systemisch erweitert: Projektion ist kein Fehler, sondern Teil eines kommunikativen Prozesses. Wir reagieren nicht nur auf das Gegenüber, sondern auch auf die Bedeutungen, die wir ihm zuschreiben – geprägt durch Biografie, Erfahrungen und Muster.


Beispiel Paarsetting: Person A sagt: „Du interessierst dich nie für mich!“ – eigentlich trägt Person A den alten Schmerz in sich, oft übersehen worden zu sein. Die Beziehungsperson wird dadurch zur Projektionsfläche.


Introjektion – Fremdes verinnerlichen

Das Gegenstück ist die Introjektion: Hier werden Erwartungen, Botschaften oder Bewertungen von außen aufgenommen und als eigene Wahrheit abgespeichert – häufig unreflektiert.

  • Klassisch: „Ich nehme etwas in mich hinein, das gar nicht von mir stammt.“

  • Systemisch betrachtet: Introjekte sind Teil der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit. Wir übernehmen Deutungen, Rollen und Zuschreibungen, weil sie in unseren Systemen (Familie, Schule, Gesellschaft) funktional waren.


Beispiel Einzelsetting: Eine Person beschreibt: „Ich muss immer stark sein und darf keine Schwäche zeigen.“ Diese Haltung entstammt vielleicht elterlichen Botschaften („Reiß dich zusammen!“). Die Person trägt das Introjekt weiter, auch wenn es im Erwachsenenleben belastet.


Systemische Perspektive systemisch betrachtet auf Grundlage der Systemtheorie

Die Systemtheorie nach Luhmann geht davon aus, dass Wirklichkeit konstruiert wird – durch Kommunikation, Deutungen und Zuschreibungen.

  • Projektion und Introjektion sind daher keine individuellen „Fehler“, sondern Teil des Beziehungsgeschehens in Systemen.

  • In Paaren entsteht eine gemeinsame Realität, die stark von Projektionen und Introjekten geprägt ist: Jede*r sieht das Gegenüber durch die Brille eigener Erfahrungen und beide handeln auf Grundlage verinnerlichter Botschaften.

  • Die systemische Haltung fragt nicht: „Wer hat recht?“ oder „Wer liegt falsch?“, sondern: „Welche Muster, Zuschreibungen und übernommenen Wahrheiten wirken hier gerade?“

Projektionen und Introjektionen

Arbeit in der systemischen Therapie

1. Einzelsetting

Im Einzelsetting geht es oft darum, Introjekte bewusst zu machen und von der eigenen Identität zu unterscheiden.

  • Methode „Fremde Stimmen identifizieren“: Die Person benennt Sätze, die sie sich selbst sagt („Ich darf keine Fehler machen“). Danach wird gefragt: „Wessen Stimme/Welcher Anteil ist das? Wem gehörte dieser Satz ursprünglich?“

  • Externalisierung: Introjekte werden auf Karten geschrieben oder mit Stühlen repräsentiert. Die Person kann in Distanz treten und prüfen: „Will ich diese Stimme behalten, oder darf sie hierbleiben?“


2. Paarsetting

Im Paarsetting stehen eher Projektionen im Fokus. Ziel ist, dass Partner*innen dabei begleitet werden zu erkunden: „Was ich dir zuschreibe, hat auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun.“

  • Zirkuläre Fragen: „Wenn Sie glauben, Ihre Beziehungsperson hört Ihnen nicht zu – was könnte das mit früheren Erfahrungen zu tun haben, wo Sie nicht gehört wurden?“

  • Rollentausch: Jeder Beziehungsperson beschreibt aus Sicht der/des Anderen, wie es sich anfühlt, die Projektion zu tragen. Das fördert die Fähigkeit für Perspektivwechsel und möglicherweise für Empathie.

  • Arbeit mit Symbolen/Figuren: Das Paardynamik-Brett macht sichtbar, wie Zuschreibungen (Projektionen) Distanz oder Nähe schaffen.


3. Gemeinsame Methoden

  • Reframing: Eine Projektion („Du bist immer so kalt“) kann umgedeutet werden („Vielleicht schützt du dich – so wie ich es auch tue“). Sodass die Funktion dahinter und der gute Grund zum Vorschein kommen.

  • Biografiearbeit: Woher stammt das Gefühl? Wann wurde dieser Anteil wichtig? Welche Familienangehörigen zeigten ein bestimmtes Verhalten in der Vergangenheit?So wird aus einem Vorwurf eine Entdeckung.


Fazit

Projektionen und Introjektionen sind nicht „Fehler“, sondern menschliche Strategien, mit Erfahrungen und Unsicherheiten umzugehen. In der systemischen Therapie sind sie ein Kernstück der Arbeit, weil sie helfen, alte Zuschreibungen sichtbar zu machen und Paare sowie Einzelne zu entlasten. Wenn verstanden wird, dass man die Beziehungsperson oft nicht „so sieht wie er/sie ist“, sondern durch die eigene biografische Brille, entsteht die Möglichkeit für echte Begegnung – jenseits von alten Mustern.


Herzlichst,

Luisa

 
 
 

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