Kinder in belasteten Familien
- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Einleitung
In vielen Familien entstehen unausgesprochene Regeln darüber, wie Nähe, Konflikte, Verantwortung und Emotionen gehandhabt werden. Wenn Belastungen wie psychische Erkrankungen, Krisen, Suchterkrankungen, chronischer Stress, Gewalt oder emotionale Abwesenheit hinzukommen, entwickeln Kinder oft bestimmte Rollen, um das Familiensystem stabil zu halten. Diese Rollen sind keine bewussten Entscheidungen, sondern Anpassungsleistungen: Versuche, Bindung und Zugehörigkeit zu sichern, Spannungen zu regulieren oder Überforderung auszugleichen.
Systemisch betrachtet sind diese Rollen nicht pathologisch. Sie erfüllen eine Funktion im jeweiligen Kontext. Gleichzeitig können sie langfristig einen hohen Preis haben, wenn sie ins Erwachsenenleben übernommen werden.
Fünf mögliche Rollen im Überblick
1. Das verantwortliche Kind ("Parentifiziertes Kind")
Gewinn:
Frühe Selbstständigkeit
Gefühl von Kontrolle und Kompetenz
Anerkennung durch Erwachsene
Preis:
Überforderung und emotionale Erschöpfung
Schwierigkeit, Hilfe anzunehmen
Tendenz zu Schuldgefühlen und Selbstüberforderung
2. Der Sonnenschein
Gewinn:
Entlastung des Familiensystems durch positive Stimmung
Anerkennung für Fröhlichkeit und Vermittlung
Gefühl von Bedeutung durch Stimmungsregulation
Preis:
Verdrängung eigener belastender Gefühle
Schwierigkeit, traurig, wütend oder hilflos zu sein
Hoher innerer Druck, funktionieren zu müssen
3. Das rebellische oder auffällige Kind ("Sündenbock"/Symptomträger*in)
Gewinn:
Ablenkung von familiären Kernproblemen
Sichtbarkeit im System
Ausdruck von unterdrückten Spannungen
Preis:
Stigmatisierung als „Problemkind“
Konfliktreiche Beziehungen
Erhöhtes Risiko für Selbstabwertung
4. Das leistungsstarke Kind ("Das goldene Kind")
Gewinn:
Anerkennung und Stolz für die Familie
Struktur und Orientierung
Gefühl von Wert durch Leistung
Preis:
Hoher innerer Druck
Angst vor Versagen
Verknüpfung von Selbstwert und Leistung
5. Das zurückgezogene oder unsichtbare Kind ("Das verlorene Kind")
Gewinn:
Selbstschutz durch Rückzug
Reduktion von Konfliktbeteiligung
Innere Autonomie
Preis:
Gefühl von Einsamkeit
Schwierigkeiten mit Nähe
Geringe Selbstwirksamkeitserfahrung
Systemtheoretische Einordnung
Aus systemtheoretischer Perspektive entstehen diese Rollen für Kinder aus belasteten Familien nicht aus individuellen Defiziten, sondern aus der Logik des Systems. Familien sind selbstregulierende Systeme, die auf Stabilität angewiesen sind. Kinder übernehmen Rollen, um das Gleichgewicht zu sichern, Spannungen zu verteilen oder Unsagbares auszudrücken.
Wichtig ist dabei: Eine Rolle ist keine feste Identität. Sie ist eine situative Antwort auf bestimmte Bedingungen. Wenn sich der Kontext ändert, können sich auch Rollen verändern. Problematisch wird es dann, wenn alte Rollen in neuen Lebenssituationen unbewusst weiterwirken.
Systemisch lässt sich dieses Verhalten auch mit dem Begriff der blinden Loyalität beschreiben. Kinder sind ihrem Familiensystem zutiefst verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus übernehmen sie Aufgaben, Haltungen oder Funktionen, oft ohne deren Tragweite überblicken zu können. Nicht, weil sie schwach sind, sondern weil sie loyal sind. Weil Bindung und Zugehörigkeit existenziell sind und als psychologische Grundbedürfnisse von Menschen erachtet werden.
Die Rollen entstehen somit aus Liebe zum System, nicht aus Defizit. Sie dienen dem Erhalt von Beziehung, Bindung und innerer Ordnung. Erst später, wenn sich Lebenskontexte verändern, kann sichtbar werden, welchen Preis diese Loyalität hatte.
Systemische Therapie
In der systemischen Arbeit geht es nicht darum, Rollen „abzulegen“ oder zu bewerten. Stattdessen wird erforscht:
In welchem Kontext die Rolle entstanden ist
Welche Funktion sie erfüllt hat
Wie sie heute noch wirkt
Methodisch arbeite ich unter anderem mit:
Externalisierung (die Rolle als etwas betrachten, das man hat, nicht ist)
Genogrammarbeit zur Sichtbarmachung familiärer Muster
Arbeit mit inneren Anteilen
Körperorientierten Zugängen, um alte Spannungen wahrzunehmen
Ziel ist es, Wahlmöglichkeiten zu erweitern und neue Positionierungen und Verhaltensweisen im Hier und Jetzt zu ermöglichen.
Fragen zur Selbstreflexion
Diese Fragen sind Einladungen zur Selbstbeobachtung, nicht zur schnellen Lösung:
Welche Rolle erkenne ich bei mir wieder?
In welchen Situationen zeigt sie sich heute besonders stark?
Wobei hat mir diese Rolle früher geholfen?
Was ermöglicht sie mir heute noch?
Was kostet es mich, sie automatisch weiterzuführen?
Manche Antworten zeigen sich sofort, andere erst im Laufe der Zeit. Beides ist in Ordnung.
Abschließende Gedanken
Die Auseinandersetzung mit frühen Rollen kann entlastend, irritierend oder berührend sein. Systemisch betrachtet geht es nicht darum, die Vergangenheit zu reparieren, sondern die Gegenwart bewusster zu gestalten. Rollen dürfen gewürdigt werden, bevor sich neue Wege eröffnen.





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