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Koalitionen und Allianzen in Familien

  • lpeine
  • 24. Sept. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Blick durch die Brille der strukturellen Familientherapie


Familien sind komplexe Systeme. Sie bestehen aus einzelnen Mitgliedern, die miteinander in Beziehung stehen und deren Handlungen und Gefühle sich wechselseitig beeinflussen. Um diese Dynamiken besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf das Konzept der Koalitionen und Allianzen zu werfen – Begriffe, die in der strukturellen Familientherapie nach Salvador Minuchin eine zentrale Rolle spielen.


Was versteht man unter einer Koalition?

Eine Koalition beschreibt die enge Verbindung zweier Familienmitglieder, die sich gegen ein drittes Mitglied richtet. Diese Frontenbildung kann bewusst oder unbewusst entstehen.

Beispiel: Mutter und Tochter bilden ein festes Team und stellen sich gegen den Vater. Der Vater fühlt sich ausgeschlossen, während die Tochter in einen Loyalitätskonflikt gerät.

Kurzfristig kann eine Koalition Halt und Nähe geben. Langfristig stört sie jedoch häufig das Gleichgewicht im Familiensystem:

  • Ausgrenzung der Gegenpartei

  • Polarisierung („wir gegen dich“)

  • Loyalitätskonflikte bei Kindern

  • Machtungleichgewichte

  • Entstehung oder Verstärkung von Symptomen (z. B. Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische Beschwerden, chronische Konflikte)


Was ist eine Allianz?

Im Gegensatz zur Koalition bezeichnet eine Allianz eine enge Verbindung zwischen Familienmitgliedern, die nicht gegen andere gerichtet ist.

  • Allianzen sind flexibel und durchlässig.

  • Sie stärken die Kooperation und ermöglichen, dass sich die Beziehungen je nach Situation verändern können.

  • Sie tragen zu einem gesunden Gleichgewicht innerhalb des Systems bei.

Eine Allianz kann z. B. darin bestehen, dass Mutter und Tochter eine enge Bindung haben, der Vater aber nicht ausgeschlossen wird, sondern auf andere Weise in die Familie eingebunden ist.


Salvador Minuchins strukturelle Familientherapie

Salvador Minuchin, Begründer der strukturellen Familientherapie, beschäftigte sich intensiv mit den unsichtbaren Strukturen innerhalb von Familien. Er beschrieb, wie Subsysteme (Eltern, Kinder, Geschwister) durch Grenzen miteinander verbunden sind. Dabei definiert er die Subsysteme wie folgt:


  • Individualebene

  • Paarebene

  • Elternebene

  • Kind(er)ebene

Minuchin Modell Familientherapie

Die Grenzen zwischen den einzelnen Mitgliedern oder Subsystemen können so beschrieben werden:

  • Klare Grenzen: ermöglichen Nähe und gleichzeitig Autonomie.

  • Diffuse Grenzen: führen zu Verstrickungen (z. B. Eltern-Kind-Koalition, in der das Kind in die Rolle eines Partners rutscht).

  • Starre Grenzen: erzeugen Isolation und fehlende Unterstützung.


Koalitionen sind aus dieser Perspektive Zeichen für diffuse oder starre Grenzen. Minuchin zeigte, dass sich Symptome von Kindern oder Paarkonflikte oft nicht allein in den Personen, sondern in den Beziehungsstrukturen erklären lassen.

Seine Interventionen zielten darauf ab, die Familienstruktur neu zu organisieren:

  • Eltern als Team stärken

  • Rollen und Verantwortlichkeiten klären

  • Koalitionen sichtbar machen und in tragfähige Allianzen verwandeln


Beispiel aus der Praxis – mit Auswirkungen auf alle Ebenen

Eine Familie kommt in die Beratung: Mutter, Vater und Tochter (12).

  • Koalition: Mutter und Tochter haben eine enge Bindung. Sie besprechen vieles miteinander und stehen in Konflikten auf einer Seite.

  • Gegenkoalition: Der Vater fühlt sich ausgeschlossen und übernimmt meist die Rolle des „Strengen“ oder „Bösen“.


Mögliche Auswirkungen auf die einzelnen Teile des Systems


Tochter (Kinderebene)

  • Gerät in einen Loyalitätskonflikt zwischen beiden Elternteilen.

  • Übernimmt unbewusst Verantwortung, die nicht ihrem Alter entspricht (Parentifizierung).

  • Kann Symptome entwickeln: Rückzug, Schulprobleme, psychosomatische Beschwerden oder auffälliges Verhalten und wird damit zur Symptomträgerin. (Einen Blogpost dazu findest du hier)

Mutter (Elternebene / Paarebene)

  • Findet kurzfristig emotionale Entlastung in der engen Bindung zur Tochter.

  • Riskiert aber, die Paarbeziehung zu schwächen, weil Konflikte nicht mit dem Partner, sondern im Bündnis mit dem Kind ausgetragen werden.

  • Gerät in Überforderung, weil sie gleichzeitig Partnerin, Mutter und Verbündete sein möchte.

Vater (Elternebene / Paarebene)

  • Fühlt sich ausgegrenzt und entwertet.

  • Reagiert mit Rückzug oder erhöhter Strenge – was die Koalition Mutter–Tochter noch verstärkt.

  • Verliert zunehmend die Möglichkeit, eine tragfähige Vater-Tochter-Beziehung aufzubauen.


Auswirkungen auf die Systemebenen

  • Kinderebene: Kinder werden in Konflikte hineingezogen, die sie nicht tragen sollten. Loyalitätskonflikte können Einfluss auf ihre Entwicklung haben

  • Elternebene: Eltern treten nicht mehr als Team auf, sondern agieren gegeneinander. Verlässlichkeit kann verloren gehen.

  • Paarebene: Die Partnerschaft leidet, Konflikte werden nicht direkt zwischen den Erwachsenen, sondern über das Kind ausgetragen.

  • Gesamtsystem Familie: Die Flexibilität nimmt ab. Kommunikation wird von Machtkämpfen geprägt, und das System verliert seine Fähigkeit zur Selbstregulation. Symptome einzelner Mitglieder sind Ausdruck des strukturellen Ungleichgewichts.


Mögliche systemische Intervention

In einer Familientherapie könnte der Fokus darauf liegen, die Grenzen zwischen den Subsystemen zu klären und neu zu gestalten:

  • Mutter und Vater auf Elternebene zu stärken, Konflikte direkt miteinander zu bearbeiten.

  • Die Tochter wird aus der Verbündetenrolle entlastet und darf wieder Kind sein.

  • Flexible Allianzen werden gefördert, die Nähe und Kooperation ermöglichen ohne dass jemand ausgeschlossen wird.


Fazit

Koalitionen sind in Familien nichts Ungewöhnliches – sie entstehen oft automatisch. Entscheidend ist jedoch, ob sie starr und gegen jemanden gerichtet sind. Bleiben sie dauerhaft bestehen, verlieren Familien ihre Flexibilität, Konflikte verhärten sich und Symptome können Ausdruck dieser Dysbalance werden.

Allianzen dagegen wirken förderlich: Sie sind flexibel, stärken das System und ermöglichen Nähe ohne Ausgrenzung.

Die strukturelle Familientherapie nach Minuchin macht diese Prozesse sichtbar und eröffnet Wege, wie Familien aus starren Mustern aussteigen und zu mehr Kooperation, Balance und Lebendigkeit finden können.


Reflexionsfrage zum Mitnehmen: Wie war das in deiner Herkunftsfamilie – gab es Koalitionen, die das Miteinander geprägt haben?


Herzlichst,

Luisa

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